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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 14/2018
Geborgen und unbehaust
Was Religion über Heimat sagt
Der Inhalt:

Kolumne von Anne Lemhöfer: Küchen-Ufo

vom 27.07.2018

Meine Freundin Jule ist verliebt. Ich freue mich für sie, wirklich. Es ist aber kein neuer Mann, und auch keine neue Frau. Jule ist glücklich verheiratet. Finde ich gut, ich mag den Dirk nämlich. Verschwörerisch führt sie mich in die Küche. Und da steht der Neue. Wie ein Ufo ist er mitten auf Jules Kochinsel gelandet: ihr Thermomix. Ein Küchengerät, das alles kann. Alles. Man muss nur Knöpfe drücken und daneben stehen, dann ist das Abendessen fertig. Oder das Mittagessen. Oder der Puderzucker. Der Puderzucker? »Das ist so genial. Mit meinem Thermi kann ich sogar selbst Puderzucker machen!«

Thermi?! Jule ist meine beste Freundin. Ich dachte, ich kenne sie. Oder wüsste zumindest über ihre wichtigsten Träume und Zukunftspläne Bescheid. Dass es offenbar ihr innigster Wunsch war, eigenen Puderzucker zu kreieren, das war mir neu. Ich kaufe den für fünfzig Cent die Packung im Supermarkt, meistens reicht der Inhalt für ein halbes Jahr. Ich bestäube Rührkuchen damit. Oder Waffeln. Für was braucht man sonst Puderzucker? Aber Jule will das nicht diskutieren. Sie hat gerade ein Küchengerät für den Preis eines gebrauchten Kleinwagens erworben. Eine Nörglerin wie mich kann sie gar nicht gebrauchen. Die tausend Euro waren gut angelegt, jawohl!

Ich gebe zu, ich bin altmodisch. Oder stoffelig. Oder auch nur eine ziemlich unperfekte Hausfrau. Wahrscheinlich alles drei. Im Grunde koche ich noch genau so, wie ich es vor zwanzig Jahren in der WG gelernt habe. Teilweise sogar noch mit dem gleichen Equipment. Ich bin ganz gerührt (schön, dass ich dieses Wortspiel endlich mal anbringen kann …), dass ich den Teig für meinen Marmorkuchen mit einem Rührgerät herstelle, das mir mein kleiner Bruder zum 19. Geburtstag geschenkt hat – zu meiner ersten Party in der eigenen Wohnung. Es läuft und läuft und ist einfach nie kaputt gegangen. Ähnliches gilt für drei meiner fünf Rührschüsseln. Mein selbst kreiertes Rezept für Couscous mit Gemüse (mit viel Rotwein!) stammt aus einer Zeit, als immer Rotwein da war, eher jedenfalls als Gemüsebrühe. Und was soll ich sagen? Es ist top und wird auch von Leuten gelobt, die Jamie-Oliver-Kochbücher im Regal stehen haben. Die Kinder sind ohnehin wenig experimentierfreudig, was Essen angeht. Rotwein haben wir jetzt nicht mehr automatisch im Haus, dafür Tiefkühl-Fischstäbchen und Frankfurter Würstchen im Glas, Gurken und Cocktail-Tomaten. Dazu ein paar Laugenstangen, und alle sind glückli

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