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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 14/2012
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Was von Martin Luther zu lernen wäre
Der Inhalt:

Der ewige Fremde?

vom 27.07.2012
Mehmet Daimagüler hat es von der Hauptschule nach Harvard geschafft. Heute rechnet er mit der deutschen Gesellschaft ab

Es kommt ein Punkt, da sind alle Grenzen überschritten. Da platzt Menschen der Kragen. Da ist es schlichtweg genug. Als bekannt wird, dass kurz nach Entdeckung der Zwickauer Terrorzelle ein Mitarbeiter des Bundesverfassungsschutzes brisante Akten dem Reißwolf übergeben hat, ist es so weit: Zwei Familien von Opfern der rechtsradikalen Mordserie erstatten Anzeige gegen den zuständigen Beamten. Die Angehörigen werden von einem Anwalt vertreten, dessen Geschichte selbst eng mit den Themen Integration und Fremdenhass verwoben ist: Es ist Mehmet Daimagüler.

Der Sohn türkischer Einwanderer hat eine steile Karriere hinter sich, gilt als Vorzeigemigrant: Er studierte unter anderem an den Elite-Universitäten Harvard und Yale, war von 1997 bis 2005 im Bundesvorstand der FDPund ist heute Sozius einer großen Anwaltskanzlei im vornehmen Berliner Stadtteil Charlottenburg. Doch all das seien letztlich »Äußerlichkeiten, die eigentlich nichts über ein Leben sagen«, sagt Daimagüler in einem Zeitungsinterview. Mit seiner Heimat Deutschland verbindet der 44-Jährige neben positiven Erinnerungen Zerrissenheit, Ängste und sogar Hass: »Der Staat hat Einwanderung gefördert, aber Integration jahrzehntelang verhindert«, sagt der Jurist, »unser System ist eine moralische Bankrotterklärung.«

Daimagüler wird 1986 in Siegen geboren. Seine Eltern sind in den 1960er-Jahren als Gastarbeiter aus Istanbul nach Westfalen gekommen. Da für sie feststeht, dass die Familie eines Tages in die Türkei zurückkehren wird, kommen auch die Kinder nicht richtig in Deutschland an. Daimagülers Halbbruder rutscht in die Kriminalität ab, wird mit Anfang zwanzig ausgewiesen. Er selbst kämpft mit Depressionen und Alkohol, kann seine Aggressionen nur schwer kontrollieren.

Dass er in Deutschland zur Welt gekommen sei, habe damals nicht viel gezählt, sagt Daimagüler: »Ich war immer ›der Türke‹, wahlweise auch ›der Kanake‹. Egal was man macht, man bleibt der Fremde.« Der Grundschullehrer schickt den »Türkenjungen« auf die Hauptschule. Doch später wechselt Daimagüler aufs Gymnasium und macht Abitur. Er studiert zunächst Jura in Bonn, später Volkswirtschaft und Philosophie in den USA. Daimagüler, der eine Zeit lang mit dem türkischstämmigen Grünen-Politiker Cem Özdemir in einer WG wohnte, gehört acht Jahr

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