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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 14/2010
Es reicht!
Sieben Gebote für eine ethische Revolution des Finanzwesens
Der Inhalt:

Taube, nicht Wildgans

von Stefan Zimmer vom 23.07.2010
Die Keltologie bestreitet die eigenständige Existenz einer keltischen Kirche und Spiritualität im alten Irland

»Auf den Flügeln der Sehnsucht« lautete der Titel eines Artikels von Hans-Joachim Tambour über die keltische Spiritualität (Publik-Forum 12/2010). Er beschrieb die frühe keltische Kirche Irlands als eine mystische, freiheitsliebende Kirche, von der auch die katholische Kirche in ihrer aktuellen Krise lernen könne. Dieser Darstellung widerspricht der Bonner Professor für Keltologie, Stefan Zimmer.

Gibt es »die keltische Spiritualität« wirklich? Auf welche Quellen stützt sich der Autor? Er spielt auf folkloristische Texte des 19. Jahrhunderts aus Irland und Schottland an. »Keltisch« kann man aber nur nennen, was mit einiger Wahrscheinlichkeit der gesamten keltischen (nur sprachlich eindeutig zu definierenden) Völkergruppe zuzusprechen ist. Die alten Kelten (Keltiberer, Gallier, Galater) bleiben ebenso unerwähnt wie die britischen Völker (Waliser, Kornen, Bretonen).

Von »keltisch« kann also gar nicht die Rede sein; eher von »gälisch« (das ist der Sammelbegriff für irisch, schottisch-gälisch und manx). Man stelle sich vor, jemand rekonstruiere die »germanische Spiritualität« aus alemannischer und bayrischer Folklore! Es gibt für Fachleute heute weder eine »keltische Kirche« noch eine »keltische Spiritualität«.

Tambours fehlerhafte Skizze der irischen Kirche im Frühmittelalter beruht wohl eher auf der Lektüre von Tremaynes englischen Krimis als auf den reichlich vorliegenden Quellen in lateinischer und irischer Sprache.

So sind die Frauen in der frühirischen Gesellschaft zwar vor allem im Erbrecht wesentlich besser gestellt als zur gleichen Zeit bei den Angelsachsen oder bei den Völkern auf dem Kontinent. Von »gleichberechtigt« kann man jedoch keinesfalls sprechen, wie schon die systematisch jeweils halben Bußgelder für sie schlagend zeigen. Dass eine Äbtissin auch über ein Männerkloster regiert, ist auch auf dem Kontinent nicht ungewöhnlich, das sieht man an den Doppelklöstern.

Die Heilige Brigid sollte man nicht als Beweis anführen – es gibt über sie keine einzige historisch tragfähige Quelle. Es dürfte sich um eine alte heidnische Göttin handeln (das sagt schon ihr Name »die Hohe, Erhabene« und der verwandte, vorchristlich mehrfach belegte Stammesname Brigantes), die im 7. Jahrhundert von Kildare im Königreich Leinster als kirchenpolitisches Pendant zu Patrick a

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