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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 14/2010
Es reicht!
Sieben Gebote für eine ethische Revolution des Finanzwesens
Der Inhalt:

»Die Leute sind so gerührt«

von Monika Herrmann vom 23.07.2010
Zum ersten Mal Applaus: Seit Wiebke im Berliner Straßenchor mitsingt, hat sich das Leben der 22-Jährigen verändert

Ja, ich war auch mal obdachlos, jetzt lebe ich von Hartz IV und habe endlich eine eigene kleine Wohnung. Jeden Dienstag gehe ich zur Chorprobe in den Gemeindesaal der Apostelkirche in Schöneberg. Ein fester Termin, und das seit über acht Monaten! Einfach super ist das. Auch weil ich durch den Chor viele interessante Menschen kennengelernt habe. Immer wieder ergeben sich neue Situationen, mit denen ich mich auseinandersetzen muss. Im Straßenchor singen ja Menschen, die es meistens gar nicht gewöhnt sind, regelmäßig einen festen Termin zu haben. Viele sind obdachlos und schon lange ohne Arbeit. Sie kommen zu spät oder gar nicht, und dann gibt es Streit. Aber wir reden darüber.

Unser Berliner Straßenchor hat viel Öffentlichkeit gebracht und dadurch auch Vorurteile beseitigt. Wir sind im Fernsehen gewesen! Für Menschen, die normalerweise in der Gesellschaft nicht interessant sind, die auf der Straße leben, arm sind, betteln, trinken, in Notübernachtungen zu Hause sind, ist das schon ein Riesenerfolgserlebnis.

Ich habe jedenfalls in den letzten Monaten so viel Positives erlebt wie in meinem ganzen Leben nicht. Dazu kommt, dass mir die Chorleute unglaublich ans Herz gewachsen sind. Wir sind – trotz aller Schwierigkeiten – eine tolle Gemeinschaft. Inzwischen singen wir nicht nur, sondern kochen nach den Proben, essen zusammen, alles in Eigenregie. Wir organisieren auch die kostenlose Ausgabe von Fahrscheinen. Denn manche Chormitglieder haben ja wirklich gar kein Geld, noch nicht mal Hartz IV. Sie leben auf der Straße.

Ich persönlich habe immer schon gern gesungen. Als Kind war ich im Schulchor, ich hatte also schon eine gewisse Erfahrung. Ein bisschen schwierig war es anfangs mit unserem Chorleiter, der nicht so richtig wusste, wie er mit Leuten von der Straße umgehen muss. Wir haben ihm klargemacht, dass Obdachlose einfach einen härteren Ton brauchen. Und inzwischen klappt es mit der Kommunikation.

Wir singen weniger klassische Sachen. Eher so Wunschlieder, die eh viele kennen und die wir relativ leicht hinkriegen. Aber diese Lieder kommen auch gut an bei Konzerten. Für mich ist das eine unheimlich tolle Erfahrung, plötzlich nicht mehr am Rand, sondern im Rampenlicht, auf der Bühne zu stehen, gesehen zu werden. Das ist was anderes, als auf der Straße zu sein, am Berliner Alex zum Beispiel

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