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Die Zeitschrift, die für eine bessere Welt streitet ...Ausgabe lesen

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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 13/2018
Die geheimnisvolle Kraft der Kreativität
Der Inhalt:

Tödliches Schmierentheater

Roman. Dies ist ein ganz und gar ungewöhnliches Buch, das zu Recht mit dem Prix Goncourt, dem wichtigsten Literaturpreis Frankreichs, ausgezeichnet wurde. Auf nur 118 Seiten gelingt es Éric Vuillard, anhand einiger historischer Episoden den nationalsozialistischen Griff nach der Macht fulminant in Szene zu setzen. Die Genregrenzen überschreitend, entwirft er auf der Basis dokumentarischen Materials ein höchst eigensinniges Bild jener Zeit. Da sind etwa die 24 Repräsentanten deutscher Konzerne (wie BASF, Siemens oder I.G. Farben), die als quasimythische Gestalten inszeniert werden. In einem Geheimtreffen mit Hitler am 20. Februar 1933 öffnen sie unterwürfig ihre Schatullen für die neuen Herren. Später werden sie die vom Verbrecherstaat bereitgestellten Zwangsarbeiter ausbeuten.

Durch das ganze Buch zieht sich eine Metaphorik des Theaters. Denn wo immer die Nazis ihre Macht etablieren, bauen sie ihre Bühne des Schreckens auf: Auf den Straßen und Plätzen, in den Parlamenten und den diplomatischen Salons der großen Politik, überall schüchtern die Meister der Inszenierung ihr Gegenüber mit Machtgebaren und Drohkulissen, mit Pomp und Propaganda ein. »Der große Bluff« der Nazis, so Vuillard, erwies sich als erfolgreich, auch weil sich die Kontrahenten vorschnell von der Farce der Braunhemden täuschen ließen. Dass die Nazis oft genug nur einen Popanz errichteten, zeigt Vuillard am Beispiel des Einmarsches in Österreich, der – geplant als großartige Demonstration militärischer Stärke – schon nach wenigen Kilometern hinter der Grenze als logistisches Fiasko endete. Zum einen skizziert Éric Vuillard mit wenigen gekonnten Strichen große Zusammenhänge bis in die Gegenwart. Zum a