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Die Zeitschrift, die für eine bessere Welt streitet ...Ausgabe lesen

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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 13/2018
Die geheimnisvolle Kraft der Kreativität
Der Inhalt:

Kolumne Von Fabian Vogt: Nur noch kurz!

In unserem Flur hängt eine Glocke. Eine echte, antike Schiffsglocke aus einem Antiquitätenladen an der Ostsee – mit einem wunderschönen, satten Klang. Und immer, wenn ich diese Glocke läute, … passiert nichts. Einfach gar nichts!

Was natürlich schrecklich ist. Denn eigentlich soll diese Glocke lautstark die gesamte Familie zusammenrufen. Zum Beispiel zum Essen oder weil es Zeit ist, gemeinsam ins Theater aufzubrechen. Oder weil eine Horde Zombies in Bermuda-Shorts vor unserer Tür randaliert. Es ist also ziemlich wichtig, dass alle dieses Signal beachten. Finde ich zumindest.

Anfangs war das auch so. Da kamen meine Frau und unsere Kinder beim ersten Glockenklang begeistert aus ihren Zimmern gestürmt. So wie auch ich dem unüberhörbaren Tönen jederzeit gerne gefolgt bin, wenn ein anderes Familienmitglied geläutet hat.

Tja, doch jetzt ist alles anders geworden. Jetzt kommt keiner mehr. Dafür ruft, nachdem das leicht penetrante Läuten verstummt ist, aus jedem Raum jemand genervt: »Ich komme ja gleich. Ich muss nur noch kurz …« Wirklich, das ist inzwischen einer der meistgenutzten Satzanfänge in unserer Familie: »Ich muss nur noch kurz …« Mit dem Ergebnis, dass selbst so sensationelle Ereignisse wie ein von mir gekochtes Essen alle kalt lassen. Beziehungsweise: dass alle es kalt werden lassen.

Gelegentlich frage ich mich, ob das nicht eine Art Fluch oder eine neumodische Seuche ist: Immer müssen alle noch mal kurz irgendwas erledigen. Ist übrigens bei mir im Büro nicht anders: Früher bin ich einfach mal ins Nebenzimmer gehuscht und habe mit den Kollegen spontan geschwätzt. Jetzt schauen mich alle – wenn ich reinkomme – erst mal verdutzt an und sagen: »Gleich!