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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 13/2017
Wem gehört die Welt?
Einblicke in die Machtverhältnisse des globalen Kapitalismus
Der Inhalt:

Schützt den Sonntag!

von Wolfgang Kessler vom 07.07.2017
Die großen Warenhäuser werben für verkaufsoffene Sonntage. Der Preis dafür kann hoch sein. Ein Zwischenruf

Das Motto der Initiative von Kaufhausketten und Einkaufszentren für flexiblere Öffnungszeiten und verkaufsoffene Sonntage ist gut gewählt: »Selbstbestimmter Sonntag«. Es suggeriert, dass es den Händlern nicht in erster Linie um mehr Erlöse geht, sondern um mehr Freiheit für die Verbraucher. Wer kann da schon dagegen sein.

Trotz der gefälligen Parole werden alle Beteiligten für diese Selbstbestimmung einen hohen Preis bezahlen. Die Händler werden höhere Kosten haben, ohne dass die Erlöse steigen. Denn: Kein Mensch hat durch verkaufsoffene Sonntage mehr Geld in der Tasche. Die Verbraucher werden also nicht mehr ausgeben. Aber ihre Ausgaben werden sich stärker über die Woche verteilen. Auf diese Weise steigen die Kosten, die Umsätze aber nicht. Der Verdrängungswettbewerb zwischen großen Ketten und kleineren Geschäften verschärft sich, mit den kleinen als Verlierer.

Verlierer werden auch viele Beschäftigte sein. Die Erfahrung der vergangenen Jahre lässt vermuten, dass die Sonntagsarbeit auch in anderen Bereichen rasant zunehmen wird, wenn die Läden regelmäßig offen sind. Warum sollen Dienstleister wie Friseure, Post oder Autowerkstätten am Sonntag pausieren, wenn die Läden am Sonntag geöffnet haben? Fast jeder zweite Deutsche arbeitet zumindest gelegentlich auch am Samstag, jeder vierte zumindest auch am Sonntag. Durch verkaufsoffene Sonntage wird die Wochenendarbeit so gut wie selbstverständlich werden.

Das ist gefährlich. Schon heute diskutiert diese Gesellschaft über die Schwierigkeiten des Zusammenlebens, über eine starke Individualisierung, über die zunehmende Isolation und Einsamkeit. Sie belastet immer mehr Menschen psychisch und macht sie krank. Sie zerstört Familien und Freundschaften. Noch flexiblere Arbeitszeiten werden dafür sorgen, dass noch mehr Menschen flexibel aneinander vorbeileben. Familienleben, Vereinsaktivitäten, gemeinsame Unternehmungen werden immer schwieriger, die Gesellschaft wird noch zerrissener, als sie ohnehin schon ist.

Und zur Frage der Freiheit gilt, was der Soziologe Hartmut Rosa auf dem jüngsten Kirchentag in Berlin ausführte: »Unsere enorme Freiheit führt uns immer häufiger in einen Alltags-Bewältigungs-Verzweiflungs-Modus.« Jede weitere Flexibilisierung der Arbeit oder eine weitere Öffnung der Geschäfte würde diesen Modus verstärken. »Wir haben dann mehr Zeit«, so Rosa, »Dinge zu beschaffen, aber immer wen

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