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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 13/2015
Der Kult ums Essen
Ernährung zwischen Lebensstil und Religionsersatz
Der Inhalt:

Kolumne Von Fabian Vogt: Berufen zur Buttercreme

vom 10.07.2015

Welchen Satz fürchte ich im Gemeindedienst am meisten? Na? Nein, es ist nicht das mit einem koketten Grinsen gehauchte: »Wissen Sie, Herr Pfarrer, ich bin kein großer Kirchgänger.« (Denken die Leute ernsthaft, ich hätte das nicht gemerkt?) Und auch nicht die fröhliche Erklärung: »Herr Pfarrer, für den Glauben braucht man die Kirche gar nicht.«

Nein, die größte Anfechtung in meinem Leben als Geistlicher ist die stets rhetorisch gemeinte Frage: »Gell, Herr Pfarrer, Sie nehmen noch ein Stück?« Und bevor ich überhaupt reagieren kann, landet wieder ein Viertelpfund Buttercremetorte auf meinem Teller.

Dann möchte ich jedes Mal laut rufen: »Nein! Ich hatte schon zwei dieser Kalorienbomben.« Doch da schaut die Gastgeberin längst in die Runde ihrer Gäste und verkündet stolz: »Dem Herrn Pfarrer schmeckt mein Kuchen ganz besonders gut. Ist aber auch ein netter.« (Ich hoffe dann stets, sie meint damit mich und nicht den Kuchen.)

Wenn ich anschließend tapfer – und kurz vor dem Brechreiz – versuche, diese fette Geißel Gottes zu verkraften (damit meine ich definitiv den Kuchen), denke ich jedes Mal verzweifelt: »Was mache ich hier eigentlich?«

Nur um das klarzustellen: Ich finde Kontakte mit Gemeindegliedern unglaublich wichtig. Aber ich begreife nicht, warum jemand »Geburtstagsbesuche« eingeführt hat. War vermutlich zu Zeiten, als Geistliche noch in Naturalien bezahlt wurden. Ja, viele Pfarrer besuchen bis heute alle Senioren zum Geburtstag. Unfassbar.

Die Wahrheit ist: Meist sitze ich dann belämmert im Kreis der Familie, werde mit Kuchen gemästet, habe keine Gelegenheit, mit dem Jubilar auch nur ein persönliches Wort zu sprechen – und muss eine Million Mal im Jahr die gleichen Sätze ertragen: »Das mit den Hexenverbrennungen fand ich nicht so gut!« »Haben Sie auch eine goldene Badewanne wie Tebartz-van Elst?« oder »Sie sehen gar nicht aus wie ein Pfarrer, was ein Glück.«

Am verwunderlichsten finde ich, dass mir fast immer jemand erzählt, er habe einen Schwager, der auch Pfarrer ist. Wirklich. Nach meiner privaten Statistik haben rund 97 Prozent aller Deutschen einen Schwager, der auch Pfarrer ist.

Nur: Warum erzählen die mir das alle? Und vor allem: Wie viele echte Seelsorgegespräche hätte ich in der Zeit führen können!

Um das noch mal deutlich zu

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