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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 13/2014
Wie kommt Gott ins Gehirn?
Die Erkenntnisse der Wissenschaft
Der Inhalt:

»Rituale machen uns zu dem,was wir sind«

von Elisa Rheinheimer-Chabbi vom 11.07.2014
Ein Gespräch mit dem Anthropologen und Ritualexperten Christoph Wulf

Publik-Forum: Herr Professor Wulf, wie wirken Rituale?

Christoph Wulf: Rituale haben Macht, weil sie Inszenierungen des Körpers sind. Man kann sie sich als eine Aufführung vorstellen: Etwas wird ästhetisch inszeniert, was wir sprachlich und analytisch nicht fassen können – zum Beispiel bei einer Hochzeit oder einer Beerdigung. Rituale erzeugen Erinnerungsbilder. Sie verdichten ein komplexes Geschehen auf einen Moment, auf ein Bild. Wir üben sie aus, weil wir bestimmte Modelle im Kopf haben. Aber wir inszenieren sie jedes Mal neu, so wie ja auch die Aufführung eines Theaterstücks niemals gleich verläuft. Die Aufführung von Ritualen beinhaltet also Varianz und soziale Kreativität. Rituale haben auch eine magische Komponente. Sie lassen sich nicht auf ihre Funktionalität reduzieren, sondern sind auch Ausdruck von Emotionen und Beziehungen.

Sie unterscheiden vier Typen von Ritualen. Welche sind das?

Wulf: Zum einen sind das religiöse Rituale, zum Beispiel Liturgien, zum anderen Zeremonien wie Staatsempfänge. Dann gibt es noch Rituale zu bestimmten Festen wie einer Hochzeit und viertens Alltagsrituale, die oft nicht so sichtbar, aber dennoch außerordentlich wichtig sind.

Können Sie ein Alltagsritual nennen, das sich in den letzten Jahren verändert hat?

Wulf: Nehmen Sie zum Beispiel die Begrüßung: Als ich Student war, haben wir Romanisten uns zur Begrüßung umarmt – und sonst keiner. Das diente als Identifikation nach innen und außen. Noch vor zwanzig Jahren war es in Deutschland üblich, sich per Handschlag zu begrüßen. Heute ist es verbreitet, dass sich gute Freunde umarmen und vielleicht sogar ein Küsschen auf die Wange geben. Diener und Knicks hingegen sind ganz ausgestorben. Das kann schnell gehen: Innerhalb von zwanzig Jahren können Rituale verschwinden, wenn sie nicht mehr praktiziert werden.

Müssen Rituale nicht in Traditionen verwurzelt sein, um gesellschaftlichen Zusammenhalt bieten zu können?

Wulf: Das kommt auf die Art des Rituals an. Manche sind einleuchtend, selbst wenn sie nicht gewachsen und altbekannt sind. Das ist dann der Fall, wenn sie Bekanntes in neuer Form widerspiegeln. Der Versuch, etwas sichtbar zu machen – zum Beispiel bei einer Trauung ein rotes S

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