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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 12/2020
Erbsünde Rassismus
Schwarze Befreiungstheologie von der Sklaverei bis zur Ermordung George Floyds
Der Inhalt:

Allein am Meer

von Johann Hinrich Claussen vom 26.06.2020
Über ein Gedicht des argentinischen Dichters Hugo Mujica

Es ist ein eigenes Glück, von anderen auf einen Dichter aufmerksam gemacht zu werden. So erging es mir, als ich vor wenigen Semestern ein Seminar über Religion und Lyrik hielt. Ein Doktorand aus Kolumbien, Juan Esteban Londoño, stellte einen Autor aus Argentinien vor, der in Deutschland gänzlich unbekannt ist.

Hugo Mujica wurde 1942 in der Nähe von Buenos Aires geboren. Sein Vater war Arbeiter und Anarcho-Syndikalist, nicht ungewöhnlich für das damalige Argentinien. Mit 13 Jahren schon musste Mujica in einer Glashütte arbeiten, besuchte aber eine Abendschule und eine Kunstakademie. 1961 zog er nach New York und tauchte in die aufblühende Hippiekultur ein, erkundete indische Spiritualität und christliche Mystik. Sieben Jahre verbrachte er anschließend in einem Trappistenkloster, nur um zu schweigen. 1977 kehrte er nach Argentinien zurück, studierte katholische Theologie sowie Philosophie und wurde Priester. Bis heute feiert der inzwischen 78-Jährige regelmäßig die Messe in einer Kirchengemeinde der Hauptstadt. Seit den 1980er-Jahren veröffentlicht er in steter Regelmäßigkeit Gedichte, die in vielen Ländern veröffentlicht wurden. Dies dürfte die erste Präsentation eines seiner Gedichte in Deutschland sein. Er hat es mir vor Kurzem zugesandt.

Mujicas Gedichte sind Gedichte. Das muss man bei einem dichtenden Geistlichen leider gleich am Anfang betonen. Es sind keine lyrisch verschönerten Gebete oder theologische Gedanken, keine Instrumente seiner seelsorglichen Arbeit, keine Vehikel einer kirchlichen Botschaft. Sie stehen für sich. Sie wollen nichts, sie zeigen etwas. Sie bringen etwas zu Gehör und zur inneren Anschauung, das dem Dichter aufgegangen ist und das er intensiv geformt hat. Dabei greift Mujica immer wieder auf dieselben Motive und Bilder zurück, spielt mit ihnen wie ein Jazzmusiker, der über standards improvisiert: die Nacht, der Regen, das Meer, die Wüste, ein Tier, ein Kind, die Stille, die Einsamkeit.

Wenn ich Mujicas Gedichte lese, meine ich, an einem Traum teilzuhaben – einem Traum aus Wort-Musik. Wenn ich vom Abend lese, von der Küste, dem Meer, der Nacht in den Straßen, dann kommen mir ferne Erinnerungen an Argentinien wieder in den Sinn, an dieses herrliche, unglückliche Land. Vor allem aber werden mir eigene Empfindungen des Alleinseins wieder bewusst. Ein Gefühl von Stille kommt auf, in der alles zugleich abwes

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