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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 12/2019
Was ist heilig?
Der Inhalt:

Rechtsruck in Marburg

von Viola Rüdele vom 21.06.2019
Die Fakultät gilt als linke Hochburg der protestantischen Theologie. Konservative Studierende wollen das ändern

An den Wänden im Inneren der Alten Universität in Marburg hängen viele bunte Plakate. Es ist Wahlkampfzeit. Ende Juni sind Fachschaftswahlen. Jede Stimme ist hart umkämpft, schließlich müssen sich die Theologiestudierenden entscheiden, welche der beiden Listen im nächsten Jahr ihre Interessen am Fachbereich vertreten soll: entweder die Fachschaft Roter Faden, der postkoloniale und feministische Themen am Herzen liegen. Oder die Summa Theologica, auf deren Wahlplakat steht: »Auch Konservative, Liberale und Evangelikale brauchen eine Vertretung.«

Vor einem Jahr hat sich die Summa Theologica gegründet, »um die Pluralität des Meinungsspektrums am Fachbereich widerzuspiegeln«, so das Selbstverständnis der neu gegründeten Fachschaft. Sie beschreibt sich selbst als liberal und konservativ: »Wir glauben, dass das Bekenntnis zu traditionellen christlichen Werten unsere Freiheit am besten erhält.« Aus dem Stand erreichte die neue Liste etwa dreißig Prozent der Stimmen – und das bei einer Wahlbeteiligung, die höher lag als in allen anderen Fachbereichen der Universität.

Wie geht die Fachschaft Roter Faden ein Jahr später mit dieser Konkurrenz um? »Wir wollen weiterhin bewusst eine linke Fachschaft sein, da wir uns so für die gleiche Teilhabe und die Rechte aller einsetzen können«, sagt Hannah, Theologiestudentin im neunten Semester von der Fachschaft Roter Faden. Diese Fachschaft versteht sich als »christlich, sozial, tolerant, pluralistisch, demokratisch, antifaschistisch und gewaltfrei«. Deswegen läuft sie auch oft auf Demonstrationen mit: für Klimaschutz genauso wie gegen Sexismus, Homophobie und religiösen Fundamentalismus. »Von solch linken Positionen fühlen sich aber nicht alle Studierenden repräsentiert«, sagt Tobias, Theologiestudent im sechsten Semester von der Summa Theologica.

Das politische und liberale Verständnis von Theologie hat in Marburg Tradition. Hier wurde nach der Reformation die erste protestantische Fakultät gegründet. Professoren wie Rudolf Otto und Rudolf Bultmann lehrten hier eine innovative und kritische Theologie, die quer zum etablierten religiösen Denken ihrer Zeit stand. Im Leitbild der Fakultät heißt es: »Wir integrieren in der Tradition vorwärtsweisender reformatorischer Erneuerung und unerschrockenen wissenschaftlichen Erkenntnisdranges feministisch-, befreiungs- und ökologisch-theolog

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