Zur mobilen Webseite zurückkehren
Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 12/2019
Was ist heilig?
Der Inhalt:

Kolumne von Anne Lemhöfer: Mächtige Wackelbilder

vom 21.06.2019

Mein Sohn liebt Ritter. Ich lese ihm jeden Abend vom »Kleinen Ritter Trenk« vor, das ist eine Buchreihe, die nicht nur spannende Geschichten von Drachen, Wunderschwertern und Burgen erzählt, sondern auch mit allerlei Erklärstücken aufwartet. Was ist eine Hellebarde? Was befand sich im Vorhof der Burg? Was ist eine Zunft? Solche Sachen. Mich stört das im Lesefluss, der Fünfjährige liebt es. Gestern ging es um die Erfindung des Buchdrucks, etwa um das Jahr 1440 herum. »Viele sagen, dass damit das Mittelalter zu Ende ging«, doziere ich. Mein Sohn liebt aber nicht nur Bücher und Ritter. Sondern auch Mamas Tablet-Computer und Youtube. Manchmal darf er für eine Viertelstunde schauen, einen Kanal namens »Die Spielzeugtester« zum Beispiel.

Neulich sollte er seiner Oma erklären, was denn dieses »Jutjub« eigentlich ist. Wir schauten süße Videos von niesenden Pandas an; und die Schwiegermutter war hin und weg, eine Aufführung in der New Yorker Metropolitan Opera aus dem Jahr 1994 anklicken zu können. »Dieses Internet ist ja der Wahnsinn!«, freute sie sich. »Hat das auch was mit diesem Facebook zu tun?« Der Abend wurde lang. Meine Schwiegermutter ist eine hochgebildete Frau mit zwei Doktortiteln und hatte sich dennoch bis zum Jahr 2019 offenbar noch nie mit digitalen Videokanälen beschäftigt. Die Kluft der Generationen war an diesem Abend auf unserem Sofa sehr spürbar.

Die Erfindung des Internets hat die Welt nicht minder verändert als der Buchdruck. Für meine Kinder sind Bildschirme eine Selbstverständlichkeit. Vermutlich würde mein Sohn nicht mal verwundert aufhorchen, wenn ich plötzlich vorlesen würde: »Trenk Tausendschön wollte den schnellsten Weg zur Drachenhöhle finden. Er zog sein Smartphone aus dem Umhang und begann zu tippen.« Ist doch nur vernünftig, sich zu informieren, wo es langgeht. »Ihr hattet früher keine Handys? Aber I-Pads doch schon, oder?«, hat mich meine Tochter mal gefragt. Der Osterhase schien ihr eine realistischere Vorstellung zu sein. Meine Kinder sehen jeden Morgen auf dem Frühstückstisch die Tageszeitung. Ein Relikt aus früheren Zeiten wie die Porzellan-Butterdose vom Flohmarkt. Sie werden die Nachrichten später bestimmt nicht aus knisternden Blättern, sondern über die Facebook-Kommentare oder Twitter-Meldungen ihrer Freunde verfolgen, während die Älteren über E-Mail und die ARD-Mediathek nicht hinauskommen. Youtube, das ist doch diese Internetseite mit den Wackelb

Wählen Sie Ihren Zugang und lesen Sie direkt weiter.

Digital-Zugang
  • Alle über 20.000 Artikel auf publik-forum.de frei lesen und vorlesen lassen
  • Die aktuellen Ausgaben von Publik-Forum als App und E-Paper erhalten
  • 4 Wochen kostenlos testen
Digital-Zugang für "Publik-Forum"-Print-Abonnenten
  • Ergänzend zu Ihrem Print-Abonnement
  • Alle über 20.000 Artikel auf publik-forum.de frei lesen und vorlesen lassen
  • Die aktuellen Ausgaben von Publik-Forum als App und E-Paper erhalten
  • 4 Wochen kostenlos testen