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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 12/2019
Was ist heilig?
Der Inhalt:

Kolumne von Anne Lemhöfer: Mächtige Wackelbilder

Mein Sohn liebt Ritter. Ich lese ihm jeden Abend vom »Kleinen Ritter Trenk« vor, das ist eine Buchreihe, die nicht nur spannende Geschichten von Drachen, Wunderschwertern und Burgen erzählt, sondern auch mit allerlei Erklärstücken aufwartet. Was ist eine Hellebarde? Was befand sich im Vorhof der Burg? Was ist eine Zunft? Solche Sachen. Mich stört das im Lesefluss, der Fünfjährige liebt es. Gestern ging es um die Erfindung des Buchdrucks, etwa um das Jahr 1440 herum. »Viele sagen, dass damit das Mittelalter zu Ende ging«, doziere ich. Mein Sohn liebt aber nicht nur Bücher und Ritter. Sondern auch Mamas Tablet-Computer und Youtube. Manchmal darf er für eine Viertelstunde schauen, einen Kanal namens »Die Spielzeugtester« zum Beispiel.

Neulich sollte er seiner Oma erklären, was denn dieses »Jutjub« eigentlich ist. Wir schauten süße Videos von niesenden Pandas an; und die Schwiegermutter war hin und weg, eine Aufführung in der New Yorker Metropolitan Opera aus dem Jahr 1994 anklicken zu können. »Dieses Internet ist ja der Wahnsinn!«, freute sie sich. »Hat das auch was mit diesem Facebook zu tun?« Der Abend wurde lang. Meine Schwiegermutter ist eine hochgebildete Frau mit zwei Doktortiteln und hatte sich dennoch bis zum Jahr 2019 offenbar noch nie mit digitalen Videokanälen beschäftigt. Die Kluft der Generationen war an diesem Abend auf unserem Sofa sehr spürbar.

Die Erfindung des Internets hat die Welt nicht minder verändert als der Buchdruck. Für meine Kinder sind Bildschirme eine Selbstverständlichkeit. Vermutlich würde mein Sohn nicht mal verwundert aufhorchen, wenn ich plötzlich vorlesen würde: »Trenk Tausendschön wollte den schnellsten Weg zur Drachenhöhle finden. Er zog sein Smartphone aus dem