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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 12/2019
Was ist heilig?
Der Inhalt:

Sozialprotokoll: »Ich bin stolz, dass ich durchgehalten habe«

Ulla Figenser ist fast blind. Mit 57 Jahren verwirklicht sie ihren Lebenstraum: Sie wird Erzieherin

Ich habe zwei Töchter groß gezogen, als Tagesmutter gearbeitet und mehr als siebzig Kinder in Kurzzeitpflege betreut. Trotzdem meinte das Arbeitsamt jahrelang, dass ich nicht geeignet sei, eine Ausbildung zur Erzieherin zu machen. Warum? Ich sehe weniger als zehn Prozent, weil meine Netzhaut im Auge zum größten Teil zerstört ist. Ich kann keine Details von Menschen oder Dingen erkennen und in der Ferne fast gar nichts sehen.

Voriges Jahr habe ich endlich meine Ausbildung zur Erzieherin begonnen – auch wenn ich fast vor der Rente stehe. Ich wollte schon immer Erzieherin werden.

Früher, in der Schule, war meine Erkrankung noch nicht so stark. Da hatte ich eine dicke Brille und konnte noch genug sehen und machte meinen Realschulabschluss. Als ich mich danach für die Erzieherinnen-Ausbildung bewarb, wurde ich abgelehnt. Ich habe dann meine eigenen Kinder ohne Partner groß gezogen und als Tagesmutter und Pflegemutter gearbeitet. Das Sozialamt speiste mich immer wieder mit Fördermaßnahmen für Behinderte ab. Als ich mich dem verweigerte, hieß es, ich sei unmotiviert.

Vieles änderte sich für mich, als ich vor neun Jahren die Frankfurter Stiftung für Blinde und Sehbehinderte entdeckte. Dort habe ich an einigen Kursen teilgenommen. Dadurch eröffnete sich für mich endlich wieder eine Perspektive und ich bekam viele Tipps, die mir das Leben als Blinde erleichterten. Zum Beispiel räumte ich meine Regale zu Hause um und lernte auf die U-Bahn-Geräusche zu hören, um zu erkennen, welche Linie einfährt.

Doch beim Job-Center musste ich weiter Überzeugungsarbeit leisten. Die Sachbearbeiterin meinte, ich wäre schon zu alt. Sie verstand nicht, war