Zur mobilen Webseite zurückkehren
Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 12/2016
Schenkt ihnen nicht eure Angst!
Wie rechte Populisten die Gesellschaft spalten
Der Inhalt:

Eine Kuh, fünf Hühner – ein neues Leben

von Elisa Rheinheimer-Chabbi vom 24.06.2016
»Wir waren ein Niemand«, sagen Selestina Tirky und Saima Begum aus Bangladesch. Heute sind sie Kleinbäuerinnen. Zwei Frauen und ihre Erfolgsgeschichten

Selestina Tirky trägt einen rot-orange-gelb gemusterten Sari und Flipflops; an ihren Armen klimpern dünne Armreifen. Es war eine weite Reise von Shaimpur, dem bengalischen Dorf, aus dem sie kommt, bis nach Wetzlar, wo sie den deutschen Journalisten ihre Lebensgeschichte erzählt. Vor sechs Jahren noch hatte sie weniger als 28 Cent am Tag, um sich und ihre beiden Kinder zu ernähren. Heute ist sie Kleinbäuerin und vor allem auf eines stolz: Dass sie ihre Kinder in die Schule schicken kann. Die Hilfsorganisation Netz hat sie eingeladen; ihr hat Selestina Tirky ihr neues Leben zu verdanken.

Die Christin stammt aus einer armen Tagelöhner-Familie. Mit 16 wurde sie verheiratet. »Ich wäre so gerne weiter zur Schule gegangen, aber wir hatten kein Geld«, erzählt sie. Bald kam das erste Kind zur Welt, als das zweite unterwegs war, verließ ihr Mann sie. Damals war Selestina Tirky 25. Um ein wenig Reis zu erhalten, arbeitete sie als Haushälterin. »Ich wollte meinen Kindern unbedingt Bildung ermöglichen«, sagt sie und macht eine Pause für den Übersetzer. »Sie sind oft mit zerrissener Kleidung herumgelaufen – aber sie sind in die Schule gegangen.« Doch es war niemals genug zu essen da. Dann kamen die Leute von Pollisree, der bengalischen Partnerorganisation von Netz. Sie boten der alleinerziehenden Mutter Schulungen an – und umgerechnet 150 Euro Startkapital. Selestina Tirky konnte ihr Glück kaum fassen. Von dem Geld kaufte sie sich eine Kuh, fünf Hühner und Saatgut. In Kursen lernte sie gemeinsam mit anderen Frauen, wie man die Tiere pflegt. Einen Großteil des Erlöses aus dem Verkauf von Hühnereiern und Gemüse investierte sie in Vieh und Saatgut – und in Schulmaterialien für den Sohn und die Tochter.

Saima Begum, die neben ihr sitzt, kann es kaum abwarten, bis sie dran ist mit Erzählen – allerdings will sie nur vom »Jetzt« reden. »Sie ist schon mehrmals in Tränen ausgebrochen, als sie von früher sprach«, sagt Peter Dietzel, der Geschäftsführer von Netz, leise. Später erklärt er, sie sei mit fünf Jahren Waise geworden und habe seitdem gearbeitet. Eine Schule hat sie nie besucht, mit 13 heiratete sie. Der Mann wurde lungenkrank, sie managte die Familie. Als ihr zweiter Sohn zur Welt kam, fegte der Monsun das Strohdach ihrer Hütte weg. Saima Begum bastelte ein Gestell aus Bambusblättern, damit ihr Baby nicht nass würde.

Als di

Wählen Sie Ihren Zugang und lesen Sie direkt weiter.

Digital-Zugang
  • Alle über 20.000 Artikel auf publik-forum.de frei lesen
  • Die aktuellen Ausgaben von Publik-Forum als App und E-Paper erhalten
  • 4 Wochen kostenlos testen
Digital-Zugang für "Publik-Forum"-Print-Abonnenten
  • Ergänzend zu Ihrem Print-Abonnement
  • Alle über 20.000 Artikel auf publik-forum.de frei lesen
  • Die aktuellen Ausgaben von Publik-Forum als App und E-Paper erhalten
  • 4 Wochen kostenlos testen