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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 12/2015
Rettet diese Welt!
Die Umwelt-Enzyklika: Papst Franziskus und sein politischer Sonnengesang
Der Inhalt:

Wir sind Gottes Selfies

von Fabian Maysenhölder vom 26.06.2015
»Selfies« sind in Mode: Bilder von einem selbst, in allen Posen. Es ist ein Symptom unserer Gesellschaft, das viel darüber verrät, wie wir ticken

Ein vernünftiges Smartphone hat heutzutage nicht nur eine, sondern gleich zwei Kameras. Eine auf der Rückseite, für diejenigen, die ganz klassisch einen Schnappschuss einfangen möchten. Und eine auf der Vorderseite – für alle, die sich selbst fotografieren möchten. Sogenannte »Selfies« überfluten das Internet, vor allem in sozialen Netzwerken wie Facebook oder Instagram. Sie platzieren das eigene Ich nicht nur vor dem Eiffelturm, dem Brandenburger Tor oder dem Kolosseum. Auch beim Feierabendbier, beim Spaziergang oder einfach nur auf dem heimischen Sofa besteht offenbar der Drang, seinen Freunden mitzuteilen, wo man sich gerade befindet.

Doch warum erleben Selfies einen solchen Boom? Warum ist es so reizvoll, sich in allen möglichen und unmöglichen Posen abzulichten? Selfies sind symptomatisch für eine Gesellschaft, die sich immer mehr um den Einzelnen dreht. In der der höchste Wert darin besteht, seinen eigenen Weg zu gehen und seine Träume zu verwirklichen. Je individueller, desto besser. Keiner will sein wie der andere, und genau darin sind sich alle gleich. Willkommen in der Selfie-Gesellschaft.

Charakteristisch für Selfies ist, dass sie in keiner Weise gesellig sind – zumindest nicht in einem tieferen Sinn. Vordergründig könnte man die Bilder zwar damit begründen, dass man seinen Freunden mitteilen möchte, wo man sich gerade befindet oder wie es einem geht. Aber seien wir ehrlich: Es gibt keine Selfies, auf denen der Fotograf unglücklich schaut. Es geht nicht darum, anderen mitzuteilen, wie es einem wirklich geht. Es geht nur darum, das eigene Glück mitzuteilen. Was wir sehen, sind stets gut gelaunte Gesichter, meist in netter Gesellschaft, die uns denken lassen: Mannomann, was für ein Leben! Genau das ist es, was als Reaktion auf die Selbstbildnisse erwartet wird: Lobende Worte der Facebook-Freunde, bei denen nicht selten ein wenig Neid mitschwingt. Selfies drehen sich nicht nur bildlich, sondern tatsächlich ganz um uns selbst. Sie sind nichts anderes als eine Inszenierung dessen, was wir uns unter einem tollen Leben vorstellen. Denn das ist es, was wir auf Facebook-Profilen finden: Nicht das Bild einer Person, wie sie tatsächlich ist, sondern das Bild einer Person, wie sie gerne sein möchte. Wie sie von anderen gesehen werden möchte.

Selfies zeigen nicht die Momente, in denen wir alleine daheim sitzen

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