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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 12/2015
Rettet diese Welt!
Die Umwelt-Enzyklika: Papst Franziskus und sein politischer Sonnengesang
Der Inhalt:

Sonnengesang, politisch

von Michael Schrom vom 26.06.2015
Rettet diese Welt! Die Umwelt-Enzyklika des Papstes stellt die Frage nach der Schuld am Klimawandel und klagt die reichen Gesellschaften des Westens an

Seit dem 18. Juni ist »Laudato si« kein harm loses naturromantisches Kirchenlied mehr. Wer künftig dieses Lied anstimmt, dessen Text auf ein Lobgebet des Franz von Assisi (1181-1226) zurückgeht und das durch die Vertonung von Fritz Baltruweit zu einem Ohrwurm in unzähligen Jugendgottesdiensten geworden ist, wird an die neue Klangfarbe denken müssen, die Papst Franziskus beigemischt hat.

Laudato si – das stand bislang für ein kurz aufflackerndes dankbares Gefühl der Verbundenheit mit »Bruder Sonne« und »Schwester Mond«, das in der Regel mit dem letzten Gitarrenakkord wieder verlosch. Nun steht Laudato si auch für politischen Widerstand, Konsumverzicht, Protest gegen Ausbeutung von Mensch und Natur und für einen Umbau des globalen Wirtschaftssystems.

Papst Franziskus hat eine politische Version des Sonnengesangs vorgetragen, nicht als Lied, sondern als Lehrschreiben, im Tonfall romantisch, in der Analyse radikal. Mit dem mittelalterlichen Querdenker trifft sich der Papst in einem geradezu zärtlich zu nennenden Verhältnis zur Natur und in einer Bewunderung für das Kleine. Franz von Assisi konnte über einen zertretenen Wurm zu Tränen gerührt sein, weil er darin das Leiden des Armen und das Schicksal Jesu gespiegelt sah, so wie es in Psalm 22 heißt: »Ich aber bin ein Wurm und kein Mensch.« Eine ähnliche Rührung spürt man, wenn der Papst über den Eigenwert von Pflanzen- und Tierarten sowie über den Verlust der Artenvielfalt schreibt. »Unseretwegen können bereits Tausende Arten nicht mehr mit ihrer Existenz Gott verherrlichen noch uns ihre Botschaft vermitteln.«

Franziskus ist überzeugt, »dass das Göttliche und das Menschliche einander begegnen in den kleinsten Details, sogar im winzigsten Staubkorn unseres Planeten«. Darin trifft er sich nicht nur mit der Orthodoxie, sondern auch mit muslimischen und buddhistischen Mystikern. Ausdrücklich richtet sich das Schreiben an alle Menschen guten Willens.

Menschen, die nicht an Gott glauben, dürften dennoch Schwierigkeiten haben, die Gedanken des Papstes in Gänze nachzuvollziehen. Das klassische Gottesbild wird ebenso wenig hinterfragt wie das Naturrecht, das jedoch nicht mehr so dominant dargestellt wird wie früher. Man erkennt einige interessante Bedeutungsverschiebungen, die hier jedoch nicht näher ausgeführt werden können. Jede Auslegung des Schöpfungsberichts, wonach der Mensch sich die Erde unterwe

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