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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 12/2015
Rettet diese Welt!
Die Umwelt-Enzyklika: Papst Franziskus und sein politischer Sonnengesang
Der Inhalt:

Klug und gewaltfrei

von Michael Schrom vom 26.06.2015
Das Publik-Forum-Zentrum spiegelt die Kraft und Tragik des Pazifismus

»Sie fahren jetzt zu Eugen Drewermann?«, fragt die Frau, die mir in der U-Bahn gegenübersitzt. Ihre Nachbarin blättert im Programm. »Warum finde ich ihn nicht?« – »Sie können ihn nicht finden, weil er nicht im offiziellen Programm auftritt, sondern im Publik-Forum-Zentrum«, antworte ich. Zwischen den beiden entspinnt sich ein Dialog, ob man umplanen soll. Sie habe Drewermanns Auslegungen der Märchen im Studium gelesen, sagt die eine. »Ihn live zu hören wäre ein echtes Highlight.« Allerdings findet sie das Thema Pazifismus und Frieden nicht sonderlich attraktiv. Die andere meint, dass man trotzdem hinfahren solle. Friede sei ja auch »irgendwie märchenhaft«.

Ist Gewaltfreiheit ein Märchen oder eine reale Option? Als der umstrittene Theologe zum Vortrag ansetzt, wird es augenblicklich still im überfüllten Saal. Drewermann beginnt mit der märchenhaft schönen Szene von den jubelnden Engeln über dem Stall von Bethlehem, wobei er dem Lobpreis eine stark politische Wendung gibt: »Verherrlicht ist Gott im Himmel einzig dann, wenn Frieden herrscht auf Erden.« Von diesem Satz aus entfaltet er eine mitreißende »Befreiung zum Frieden«. Er spottet über die semantische Lüge einer familienfreundlichen Bundeswehr – »Wie soll man denn familienfreundlich junge Männer zum Töten ausbilden?« –, verweist auf traumatisierte Soldaten und die immer höheren Kosten einer angstgetriebenen Aufrüstung. Er spricht völlig frei. Wenn er Wörter wie Drohnen oder Bomben in den Mund nimmt, wird seine Stimme so scharf, dass ich vor meinem geistigen Auge die Verwüstungen sehen kann, die sie anrichten: in Syrien, im Irak und anderswo. Wenn er von der gewaltfreien Klugheit des Mannes aus Nazareth spricht, dessen Größe so ganz anders war als das, was die Welt unter diesem Begriff versteht, klingt sein Tonfall warm. Seelischer Frieden und Weltfrieden bilden eine gefühlte Einheit, die man nicht auseinanderreißen kann.

Nach Drewermann spricht die ehemalige EKD-Ratsvorsitzende Margot Käßmann über Pazifismus. »Ich finde es zum Verzweifeln, dass immer häufiger vom Krieg als Ultima Ratio gesprochen wird, denn Ratio bedeutet Vernunft, aber genau diese wird im Krieg systematisch ausgeschaltet, da ihm die Logik der Eskalation innewohnt«, sagt Frau Käßmann. Ob sie sich denn im Angesicht von IS und anderen Mörderbanden nicht wünsche, dass ein entschlossenes Eingreifen Frieden schaffe, wird sie gefragt. »Nat

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