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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 12/2015
Rettet diese Welt!
Die Umwelt-Enzyklika: Papst Franziskus und sein politischer Sonnengesang
Der Inhalt:

Der Minister und die Bibel

von Peter Otten vom 26.06.2015
Das Politische Porträt: Bundesinnenminister Thomas de Maizière hat es bei Christen nicht leicht. Beim Kirchentag stellte er sich deshalb in die Tradition seines früheren Chefs Richard von Weizsäcker

Der Bundesinnenminister, seit bereits zwölf Jahren auch Mitglied im Präsidium des Deutschen Evangelischen Kirchentages, ist fast unbemerkt in die Carl Benz Arena gekommen. Knapp neunzig Leute warten auf seine Bibelarbeit. Der Chor probt das Mottolied des Kirchentags »Damit wir klug werden«. De Maizière wird später sagen, nicht alle Kirchentagslieder würden Hits. Zurückhaltung ist seine Sache nicht.

Marlene Kowalski, Mitglied der Präsidialversammlung übernimmt die Begrüßung: »Thomas de Maizière entstammt einer Familiendynastie, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, dem Staat zu dienen«, beginnt sie. »Er gilt als einer der versiertesten und verlässlichsten Politiker Deutschlands und als einer der engsten Vertrauten der Kanzlerin.« Insofern passt Thomas de Maizière perfekt in diesen Kirchentag, denn er riecht stark nach Großer Koalition.

Der Minister springt nun auch auf die Bühne, wie immer ganz leicht nach vorne gebeugt, bedankt sich für die »ungemein freundliche Begrüßung« – und das Auditorium lacht. Seine eckige Brille gibt ihm etwas Verbindliches, Sachliches, ein wenig Unnahbares und Distanziertes; seine Stimme klingt schneidig, nicht unfreundlich, aber es schwingt Deutlichkeit mit.

Bei seiner Bibelarbeit zu Lukas 16, 1-13 wird die Handschrift des Juristen deutlich: Er spricht im Tonfall eines Anwalts. De Maizière behagt der untreue Verwalter in dieser Bibelstelle nicht, der das Vermögen seines Herrn verschleudert, Urkundenfälschung begeht und betrügt. Letztlich entscheidet sich der Minister für eine Auslegung, die sich an die persönliche Haltung richtet: »Lukas fordert uns auf, ehrlich mit uns selbst zu sein, nach vorne zu schauen und entschlossen zu handeln. Wir sollen nicht die uns verbleibende Zeit damit vertun, uns rückblickend zu rechtfertigen oder darüber nachzudenken, wie wir unser Handeln gegenüber Dritten vielleicht beschönigen können.« Das klingt ein bisschen, als sage er es vor allem auch zu sich selbst.

Einen Tag später geht es ums Kirchenasyl. De Maizière ging hier lange Zeit auf Konfrontationskurs zu den Kirchen. Sie hätten das Kirchenasyl missbraucht, um die Dublin-II-Regelung politisch zu bekämpfen. Die Kirchentagsregie hat den Minister in die Mitte platziert. Rechts von ihm sitzt Amaniel Petros Habte, ein zwanzigjähriger Flüchtling aus Eritrea. Er gibt der politisch

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