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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 12/2014
Fulbert Steffensky: Spiritualität
Warum ich das Wort nicht mehr hören kann
Der Inhalt:

Krieg und Familie

von Valentin Schönherr vom 27.06.2014
Zwei neue Romane erkunden die Vergangenheit – und erzählen sehr verschiedene Familiengeschichten

In Firling, einem Dorf im österreichischen Mühlviertel, gab es immer wieder Leute, die abgehaust sind. Abhausen: alles verspielen, Haus und Hof herunterwirtschaften. Erich Hackls Mutter erzählt davon, wie solche Leute »mit Sack und Pack und ohne Geld« aus dem Dorf zogen, und fügt hinzu: »Wir schauten ihnen lange nach, bang, ob sie uns nicht zum Verwechseln ähnlich sahen.«

Erich Hackl, Jahrgang 1954, ist einer, der seine Stoffe durchs Zuhören gewinnt. »Erfinden« heißt für ihn, dem Vorgefundenen eine literarische Form zu verschaffen. In seinem neuen Buch sind es die Erinnerungen der eigenen Mutter an das Dorf ihrer Kindheit und den bäuerlichen Alltag, an den Lehrer und den Pfarrer, an die Nazis und ihre Gegner, an die Liebe und schließlich an den Abschied vom Dorf. Geschichten also, die vielleicht die ersten waren, denen Hackl in seinem Leben zugehört hat.

Bei Katja Petrowskaja ist das anders. Die 1970 geborene Ukrainerin, die seit fünfzehn Jahren in Berlin lebt und auf Deutsch schreibt, kennt ihre polnisch-jüdisch-ukrainische Familiengeschichte nur als Ansammlung von Fragmenten. In ihrem aufwühlenden Buch »Vielleicht Esther« sucht sie nach den Geschichten hinter den Andeutungen, nach Verschwiegenem und Vergessenem. Von der Großmutter ihres Vaters, die im September 1941 in Kiew auf offener Straße erschossen wurde, kennt man nicht einmal den Namen. Vielleicht hieß sie Esther. So liegt vieles, was Petrowskaja über sie schreibt, zwischen Nachweislichem und Möglichem. Anderen Geschichten kommt sie verlässlicher auf die Spur.

Über den Prozess gegen ihren Großonkel Judas Stern, der 1932 in Moskau ein Attentat auf den deutschen Botschaftsrat verübte, kann sie in Berlin umfangreiches Aktenmaterial einsehen. Von dem Haus, das ihre Familie einst in Warschau bewohnte, erhält sie bei einem Spezialisten ein Foto, das dieser zufälligerweise kurz vorher im Internet gekauft hatte. Und zu Silvester 2011 läutet bei Petrowskajas Mutter in Kiew das Telefon: Am Apparat ist die letzte Überlebende aus deren Elternhaus.

Auch sonst haben die beiden Bücher auf den ersten Blick nicht viel gemein: Erich Hackl erzählt die Erinnerungen seiner Mutter in Versen und Strophen, und auch ohne Reim und stabiles Metrum verleiht ihnen die gebundene Form eine gewisse Sicherheit, Gültigkeit. Erst in der Nachbemerkung bringt sich der Autor selbst ins Spiel: »Ich halte mich ... an di

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