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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 12/2014
Fulbert Steffensky: Spiritualität
Warum ich das Wort nicht mehr hören kann
Der Inhalt:

Kneipenchor und Rudelsingen

von Sara Mierzwa vom 27.06.2014
Die Gesangsvereine sterben aus – doch gleichzeitig blüht das Singen in ausgefallenen Projekten neu auf

Ob wir rote, gelbe Kragen, / Helme oder Hüte tragen, / Stiefel tragen oder Schuh. / Oder ob wir Röcke nähen / und zu Schuhen Drähte drehen, / das tut nichts dazu.« Aus vierzig Mündern klingt das »Bürgerlied«, mit dem die Märzrevolution das Ideal der bürgerlichen Freiheit besang. An diesem Abend erklingt es im Club Voltaire, der Kulturkneipe in Frankfurt am Main. An der Wand hängen alte Wahlplakate der SPD, auf einem Bild demonstrieren Arbeiter für die 35-Stunden-Woche. Frauen und Männer aus der linken Szene sitzen an robusten Holztischen mit roten Kerzen und lassen revolutionäres Liedgut auferstehen.

Wie hier im Club Voltaire sind in den letzten Jahren viele Chöre aus dem Boden geschossen, die so gar nicht in die bürgerliche Landschaft der deutschen Gesangvereine passen wollen. Während Kirchenchöre über Nachwuchsmangel klagen und traditionelle Männergesangvereine im Aussterben begriffen sind, treffen sich in Heidelberg Menschen jeden Alters zum »Rudelsingen« und schmettern gemeinsam Gassenhauer. Beim »Ich-kann-nicht-singen-Chor« in Berlin und Stuttgart ist jeder willkommen – und das Programm entsteht spontan. In Hildesheim, Frankfurt und Lübeck bringen »Beschwerdechöre« mehrstimmig politische Forderungen zum Ausdruck.

»Wie alle Lebensbereiche hat sich auch die Chorlandschaft spezialisiert«, sagt Moritz Puschke vom Deutschen Chorverband. In den letzten zehn Jahren habe sich in der Gesangskultur ein großer Wandel vollzogen, stellt Puschke fest: »Die Mitgliederzahlen sinken besonders in den traditionellen Chören in ländlichen Regionen. Gleichzeitig sind Kinder- und Jugendchöre, leistungsstarke Kammerchöre sowie Vocal-Bands und Jazz-Pop-Chöre auf dem Vormarsch.« Statt regelmäßig einen Abend in der Woche zu proben, organisieren sich die neuen Ensembles zunehmend als Projektchöre, in Wochenendproben oder jährlichen Treffen. Flexible Arbeitszeiten, Umzüge und Jobwechsel, so der Experte vom Chorverband, ließen heute kaum Raum für feste wöchentliche Proben.

Beim Wirtshaussingen im Club Voltaire stimmen Brot, Salate und Wein auf den Abend ein. Hier gibt es weder Einsingen noch Stimmbildung und auch niemanden, der dirigiert. »Ich finde es gut, dass es hier keinen Leistungsdruck gibt!«, sagt die 75-jährige Sigrid Beier. Melodieunsicherheiten werden übersungen, keiner wird korrigiert oder ausgeschlossen. »Die Haupt idee b

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