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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 12/2014
Fulbert Steffensky: Spiritualität
Warum ich das Wort nicht mehr hören kann
Der Inhalt:

Kolumne von Anne Lemhöfer
Danke, Frau F.

vom 27.06.2014

Ich darf Kolumnen für Publik Forum schreiben. Das hat die Redaktion so entschieden. Für diese durchaus erfreuliche Situation schulde ich vor allem einer Person Dank: meiner ehemaligen Deutschlehrerin. Frau F. ist – nicht wenige in der Branche würden es in der Tat heute so formulieren – schuld daran, dass ich Journalistin geworden bin. Dass Schreiben mein Beruf ist. Und nicht, sagen wir: Aktienkurse ausrechnen. Gorillas beobachten. Oder Frühstücksbrettchen designen. Frau F. war toll. Mein Mathelehrer, die Biologielehrerin und der Kunstlehrer waren es nicht. Manchmal ist es so einfach.

Ist es das? Der neuseeländische Bildungsforscher John Hattie sagt: Ja. Hattie ist mit dem Anspruch angetreten, die wichtigste Frage der Bildungsforschung umfassend zu beantworten: Was macht eine gute Schule aus? Dafür hat er jahrelang, wie er sagt, ein Datengebirge aus 50 000 Einzeluntersuchungen mit 250 Millionen beteiligten Schülern ausgewertet. Was ehrenvoll ist. Das Ergebnis machte ihn mit einem Schlag weltberühmt: Gute Lehrer machen eine gute Schule aus. Sie prägen Schülerinnen und Schüler fürs Leben. Und nicht etwa die Projektwoche. Der Stuhlkreis. Oder der Wochenarbeitsplan.

Hattie hätte sich die viele Arbeit auch sparen und uns fragen können: Sven, Oliver, Jenny, Jule, mich und die anderen aus dem Deutsch-Leistungskurs, Abiturjahrgang 1998. Wir waren normale Schüler – »Als Käfer aufgewacht? Zuviel gekifft?« – eines normalen Gymnasiums – große Klassen, vollgemalte Klos – in damals normalen Batikhemden und mit normalen Prioritäten – »Hausaufgaben? War spät gestern.«

Die Batik-Shirts sind eingemottet; aus uns sind mehr oder weniger seriös gekleidete Verlagsleute und Buchhalter, Grafiker und Ärztinnen geworden, die immer noch zwei Dinge einen: hohe Bücherregale und ein Hang zum Klugscheißen (»Menschen können nicht evakuiert werden!«). Schuld daran ist keine Projektwoche und auch keine kreative Collage für den Tag der offenen Tür. Schuld sind Frau F. und das gelbe Reclamheft, in dem ein brauner Käfer eine wesentliche Rolle spielte.

Wie Frau F. das schaffte? Ganz einfach: Frau F. war Frau F. Sie blieb im Klassenraum sie selbst: eine lebenslustige, leidenschaftliche Theatergängerin und promovierte Germanistin, die für ihr Fach brannte, sprachliche Schusseligkeiten streng anprangerte (»Menschen können nicht evakuiert werden!

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