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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 12/2014
Fulbert Steffensky: Spiritualität
Warum ich das Wort nicht mehr hören kann
Der Inhalt:

»Ein tief frommer Dickkopf«

von Thomas Seiterich vom 27.06.2014
Unterwegs in einem Land der Wunder: Eine Recherchereise in Argentinien bringt Unerwartetes über Papst Franziskus zutage

San Cajetano, der heilige Cajetan, ist im Volksglauben der ärmeren Schichten Argentiniens zuständig für »Trabajo y Pan«, für Arbeit und Brot. Aus diesem Populär-Katholizismus stammt der Papst. Der Volksreligion Südamerikas ist Jorge Bergoglio tiefer verbunden als der aufgeklärten, akademischen Theologie. Zum Santuario San Cajetano in Buenos Aires kommen jeweils am Siebten des Monats Zehntausende Frauen und Männer. Ihre Gesichter sind gezeichnet, die Kleidung ärmlich. Man sieht den Menschen den Kampf ums Überleben an. Stundenlang warten sie diszipliniert in der Schlange, um den Heiligen im Santuario San Cajetano zu berühren, mit ihm still zu sprechen und etwas zu erbitten. Die Hand, die berührt, der Kopf, der die Sehnsucht formuliert, und das Herz, das hofft – alle drei beten mit.

Aus dieser ruhigen Warteschlange mit gesammelter religiöser Kraft bekomme ich weißer Gast von einem jungen Mann am ersten Tag der Spurensuche meinen ersten Mate-Tee gereicht. Mit dem Becher in der Hand wartet es sich leichter. Unweit vom Schrein des Heiligen legen die Beter ihre Gaben ab: getragene Kleider, Kinderspielzeug. Beides verteilt die Caritas in den »Villas«, den Armenvierteln.

Wer von Papst Franziskus seine tiefe Verankerung im Volksglauben wegnimmt, wird ihn nicht verstehen. »Franziskus beendet die europäische Ausübung des Papstamtes«, sagt einer seiner engsten Berater, der Theologieprofessor Carlos Maria Galli: »Die neue, südamerikanische Art, das Papstamt auszuüben, folgt der lateinamerikanischen Kultur. Dies provoziert konservative Christen in Europa.« Dies bedeute: Gesten anstelle der Fixierung auf fußnotenreiche Texte und die überkommene päpstliche Spezialsprache. »Denn die Gesten werden von jedermann spontan verstanden, vor allem von den einfachen Leuten innerhalb und außerhalb der Kirche, wie Franziskus zeigt.«

Die »Textpäpste« dagegen – im Extrem Benedikt XVI., der öffentlich sogar die Frage behandelte, ob das Kreuzesopfer Christi »für alle« oder nur »für die Vielen« gefeiert werde – hätten allzu oft nur für die Theologen und Gebildeten in der Kirche gesprochen. Nur die Studierten verstanden die höfische Sondersprache.

»Er will Zeit statt Raum«

Papst Franziskus nehme nun absichtlich mit seiner Politik der Gesten den Theologen die Deutungshoheit. »Und dies kränkt natürlich viele geist

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