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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 12/2014
Fulbert Steffensky: Spiritualität
Warum ich das Wort nicht mehr hören kann
Der Inhalt:

Der Tabubruch

vom 27.06.2014
Das christliche Abendmahl erinnert daran: Wir Menschen leben auf Kosten anderer – doch das muss nicht so bleiben. Diese Spannung macht das Ritual so faszinierend wie unheimlich, sagt der Neutestamentler Gerd Theißen

Publik-Forum: Herr Professor Theißen, im Abendmahl teilen Christen Brot und Wein miteinander als Leib und Blut Jesu Christi. Wie kommt es, dass Menschen, unter ihnen auch Theologen, dieses grundlegende christliche Ritual ablehnen mit der Begründung, dies sei eine Art von Kannibalismus?

Gerd Theißen: In der Tat: Die Symbolik des Abendmahls schreckt viele Menschen ab. Auch mein Vater – er war Physik- und Mathematiklehrer und ein frommer Mensch – ist nicht zum Abendmahl gegangen. Er hielt das für Aberglauben. Menschen, die meinen, alles spiele sich im Kopf ab, haben meist Schwierigkeiten mit der Symbolwelt. Und weil die Symbolik nicht von allen verstanden wird, geht man in den Kirchen heute teilweise auch dazu über, vom »Kelch des Heiles« und vom »Brot des Lebens« zu sprechen, um eben deutlich zu machen, dass es im Abendmahl um etwas Lebensspendendes geht. Mir fällt in diesem Zusammenhang immer die heutige Werbung fürs Blutspenden ein, denn da heißt es: »Mein Blut für dich!« Das ist eine Formulierung aus der traditionellen Abendmahlsliturgie!

Sie vertreten die These, dass es im Abendmahl um einen Tabubruch geht: um Kannibalismus, aber auf der symbolischen Ebene. Wie ist das genauer zu verstehen?

Theißen: Ich habe mich gefragt: Woher kommt der Widerstand gegen das Abendmahlsritual, den es in der Tat gibt? Ich bin dabei auf zwei Sachverhalte gestoßen, die uns unangenehm aufstoßen: zum einen auf die Erkenntnis, dass jedes Leben auf Kosten anderen Lebens lebt. Das lehrt die Evolutionsbiologie. Jeder Fortschritt basiert auf dem Versagen oder Leiden anderer Kreaturen. Davon profitiert jeder Mensch, ob er will oder nicht. Das Zweite: Wir Menschen machen in unserem Leben andere Menschen oft zu Opfern, sei es durch die Diskriminierung von Minderheiten, sei es über Mobbing. Wir sind also daran auch aktiv beteiligt. Auch die strukturelle Gewalt wäre zu nennen, etwa das politische Nord-Süd-Gefälle, das zu einem deutlich verkürzten Leben der Menschen auf der Südhalbkugel führt. Die christlichen Symbole wollen uns für diese Zusammenhänge die Augen öffnen: dass wir auf Kosten anderer leben. Dass man sich nicht scheut, dies zeichenhaft darzustellen, ist gewissermaßen ein Tabubruch. Auch das Trinken von Blut war und ist ja im Judentum verboten. Im Abendmahl wird es möglich. Dies ist ebenfalls ein Tabubruch durch die ers

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