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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 12/2013
Fernweh trifft Wirklichkeit
Wie fair kann Tourismus sein?
Der Inhalt:

Der Papst im Gästezimmer

von Thomas Seiterich vom 28.06.2013
20. Juni 2013: Seit hundert Tagen regiert ein Jesuitenpater aus Argentinien die Weltkirche. Eine erste Zwischenbilanz

Noch immer logiert Papst Franziskus im Gästezimmer. Der Mann, dessen Programm die Parteinahme der Kirche für die Armen ist, wohnt auf gut vierzig Quadratmetern in der Casa Santa Marta, einem modernen Gästehaus an der Südmauer des Vatikans, neben der modernen Audienzhalle und dem Renaissance-Palast der Glaubenskongregation.

Ein Papst im Gästehaus. Franziskus, der Papst ohne theologischen Doktorhut, spricht klar und deutlich. Er zeigt Humor und meidet konsequent den Pomp, der mit Auftritten seines Amtsvorgängers Benedikt XVI. verbunden war. Er weigert sich, im Apostolischen Palast die repräsentative Papstwohnung zu beziehen. Dem gepanzerten Mercedes zieht er einen VWPassat vor. Bei Großaudienzen auf dem Petersplatz sucht er das Bad in der Menge.

Der Argentinier segnet und umarmt in aller Ruhe, manchmal minutenlang, Spastiker und Rollstuhlfahrer. Bei solchen Begegnungen legt er Leidenden die Hände auf – in einer unmittelbaren Weise, wie das kein intellektueller Papst aus dem säkularen Westeuropa tun würde. Jorge Mario Bergoglio treibt seine Leibwächter fast zur Verzweiflung. Denn er verzichtet auf das schusssichere Papamobil aus Stuttgart, das seit dem Attentat auf Johannes Paul II. 1981 auf dem Petersplatz als Standard gilt: Lieber Risiko als Abstand zu den Leuten.

Soeben gab Franziskus bekannt, er werde die von Papst Benedikt begonnene Enzyklika »Über den Glauben« vollenden und veröffentlichen. Seine stets durchgehaltene Politik der Gesten, die Bescheidenheit und Einfachheit signalisieren sollen, kommt an bei der Öffentlichkeit und beim Großteil der Weltkirche. Nicht sosehr in Deutschland, wo die Kritik am römischen Reformstau seit Jahrzehnten zum Allgemeingut zählt. Doch umso mehr in den Staaten, in denen Nachrichten nahezu ausschließlich via TV konsumiert werden – und das Bild über das Wort dominiert. Von dort melden Umfrageinstitute sprunghaft gestiegene Sympathiewerte für die katholische Kirche, seit Papst Franziskus sie leitet.

Gut drei Monate im Amt sind eine kurze Zeit. Zu kurz für grundlegende Änderungen. Papst Franziskus befindet sich noch in der Charmeoffensive und in der Schnupperphase. Auf kommunikativem Feld unterliefen ihm – anders als dem Pannenpapst Benedikt – bislang keine Fehler. Im Ge

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