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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 12/2013
Fernweh trifft Wirklichkeit
Wie fair kann Tourismus sein?
Der Inhalt:

»Das ist wie eine Droge«

von Christian Boldt vom 28.06.2013
Wie totalitär sind Kino und Internet? Fragen an den Filmwissenschaftler und Trickfilmexperten Rolf Giesen

Herr Giesen, warum beschäftigt sich ein Filmemacher und Trickfilmexperte in drei Büchern so ausführlich mit Nazi-Propagandafilmen?

Rolf Giesen: Wie viele Deutsche habe ich die Aufarbeitung des Nationalsozialismus in der Nachkriegszeit als Familientrauma erlebt. Meine Mutter starb sehr früh, dreißigjährig, an Magersucht. Damals kannten wir nicht einmal den Begriff, aber bereits als Fünfjähriger habe ich dieses erschreckende Bild irgendwie mit KZ-Opfern assoziiert. Irgendjemand muss es damals erwähnt haben. Es hat sich mir als Inbegriff alles Schrecklichen eingeprägt. Offensichtlich wussten die Menschen doch mehr, als ihnen lieb war. Und haben es in der Wirtschaftswunderzeit verdrängt.

Was haben Sie bei Ihren Recherchen über die NS-Zeit herausgefunden?

Giesen: In der Spielfilmproduktion gab es mehr als hundert Beispiele ausgesprochener Propaganda. Die infamsten sind wohl Veit Harlans »Jud Süß« und Fritz Hipplers »Ewiger Jude«, der unter dem Deckmantel eines Dokumentarfilms auftrat. Der erfolgreichste war »Die große Liebe« mit Zarah Leanders Lied »Davon geht die Welt nicht unter«. Ab 1939 wurde der Ton im Kino radikaler und antisemitischer. Man konnte von Glück sagen, wenn die Kinos nicht bombardiert wurden.

Und gegen Kriegsende?

Giesen: Gegen Kriegsende verlegte die Filmindustrie sich auf biedere Unterhaltung à la Rühmanns »Feuerzangenbowle«. Das ist noch heute der beliebteste deutsche Film. Oder »Frau meiner Träume« mit Marika Rökk. Sie dienten dazu, den Krieg zu verdrängen.

Sie haben ausgerechnet im Zeichentrickfilm die Banalität des Bösen gefunden

Giesen: Goebbels wollte Walt Disney und Mickey Mouse Konkurrenz machen. Der Zeichenfilm unterm Hakenkreuz war so bieder und kinderfreundlich, dass er nach dem Ende des Dritten Reichs nahtlos fortgesetzt werden konnte. Noch heute leidet der kommerzielle deutsche Animationsspielfilm unter dieser fatalen Tradition. In all seiner Harmlosigkeit wird aber Undeutsches nicht geduldet.

Bis heute heroisiert Hollywood militärische Gewalt, wie in »Starship Troopers«, einem Science-Fiction-Spektakel, das sich als Faschismus-Satire gibt. Der Film von 1997 stellt Propaganda-Spots der Nationalsozialisten der 1930er-Jahre nach.

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