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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 12/2012
Heilsame Netze
Warum wir andere Menschen brauchen
Der Inhalt:

Mit Daniels Asche

von Thomas Kroll vom 19.06.2012
Der Film »Dein Weg« widmet sich dem Pilgern, wobei die »letzte Reise« des Sohnes zum Jakobsweg des Vaters wird

Bilder vom sonnigen kalifornischen Strand. Ein kurzer Einblick in Tom Averys Augenarztpraxis. Zwei, drei Schläge auf grünem Golfplatz unter Freunden. Dann ereilt den etwa Siebzigjährigen die Katastrophe per Handy: Eine Stimme mit französischem Akzent erklärt, dass Toms Sohn Daniel ums Leben gekommen sei, in einem Gewitter auf der ersten Etappe des Jakobswegs.

Wenig später sitzt der verwitwete Augenarzt im Zug auf der Reise zur französisch-spanischen Grenze. In die vorbeirauschenden Ansichten mischen sich Gedanken und Erinnerungen an den Verunglückten. Der Vater will den fast vierzigjährigen Toten heimholen, muss ihn identifizieren – und begibt sich schließlich selbst mit den Überresten seines Sohnes auf den Fußweg nach Santiago di Compostela.

Anfangs marschiert der Trauernde allein auf dem knapp 800 Kilometer langen »Camino Frances«. Doch nach und nach gesellen sich drei weitere Pilger zu ihm: Joost, der kiffende Niederländer, Sarah, die kratzbürstige Kanadierin, sowie Jack, der überdrehte Ire.

Kantige Figuren, die der Kirche gleichgültig bis ablehnend gegenüberstehen und an die man sich gewöhnen muss. Jede trägt neben dem Rucksack weiteres Gepäck mit sich: Tom verstreut an vielen Stationen ein wenig von der Asche des Toten; Joost ist übergewichtig und lässt keine Gelegenheit aus, regionale Köstlichkeiten zu sich zu nehmen; Sarah will mit dem Rauchen aufhören, trägt aber noch schwerer an der Schuld einer Abtreibung; und den irischen Reiseschriftsteller quält eine Schreibblockade.

Eine Pilgergemeinschaft auf Zeit, zu der (immer wieder) auch der tote Sohn zählt. Eine Weggemeinschaft ohne explizit spirituelle Ambitionen, die aber dennoch über das primäre Ziel hinausträgt, geht man schließlich doch gemeinsam bis zum Kap Finisterre. Dort, »am Ende der Welt«, übergibt Tom die restliche Asche den Gewalten des Meeres.

Vor allem anfangs ist »Dein Weg« eine Trauergeschichte. »Soll ich mit Ihnen beten, Tom?«, fragt ein Priester im heimischen Kalifornien. Toms lapidare Antwort: »Wofür?« Der Schmerz sitzt tief, zumal Vater und Sohn im Unfrieden auseinandergingen. Wie dann endgültig Abschied nehmen? Wie um einen Toten trauern, dessen Sterben man nicht miterleben konnte? Toms intuitive und spontane Antwort ist praktisch: entschleunigtes Fortbewegen und sukzessives Verstreuen der Asche.

Ferner ist »Dein We

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