Die göttliche Unterbrechung
Die tiefste Berufung des Menschen besteht darin, schöpferisch tätig zu sein. Das heißt, Leben zu gestalten und die Mitwelt zu ordnen, Dinge zu unterscheiden und in Beziehung zu setzen, sodass jedem und allem sein angemessener Platz und seine Würde zukommt. So ist der Mensch zum Partner Gottes berufen, zur imitatio Creatoris. Grundlegend ist dabei die Gestaltung von Raum und Zeit. Sie ist besonders wichtig in einer Gesellschaft, die keine gemeinsamen Ruhepausen mehr kennt, die die Nacht zum Tag macht und unter dem Druck der Globalisierung immer schneller und deregulierter geworden ist. Das erste Buch der Bibel beginnt damit, den Raum auf- und zuzuteilen, die Elemente zu scheiden, die Lebewesen zu ordnen. Am markantesten ist die Strukturierung der Zeit. Der Refrain klingt in den Ohren: »Es wurde Abend, es wurde Morgen.« Dabei folgt auf sechs Tage des schöpferischen Tuns ein Tag der Ruhe. Dieser »Tempel in der Zeit«, wie der Rabbiner und Religionsphilosoph Abraham Jehoschua Heschel (1907-1972) den Schabbat genannt hat, ist von fundamentaler Bedeutung. Durch das Anzünden von Kerzen, durch Gebete, den Segen über Brot und Wein und durch ein gemeinsames Mahl wird er empfangen. Verabschiedet wird er durch das Ritual der Hawdala.
Sie haben bereits ein
-Abo? Hier anmelden
Christian M. Rutishauser, Dr. theol.
, geboren 1965, ist Jesuit und Judaist, Lehrbeauftragter, Autor und Reiseleiter in Israel/Palästina. Er ist Mitglied der Kommission für die religiösen Beziehungen mit dem Judentum der Deutschen und der Schweizer Bischofskonferenz. In derselben Funktion ist er Konsultor des Heiligen Stuhls.
