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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 11/2017
»Überall schwindet das Vertrauen«
Norbert Lammert über Medien, Demokratie und Kirche
Der Inhalt:

Streitfragenzur Zukunft: Ist Selbstverwirklichung eine Sackgasse?

von Werner Tiki Küstenmacher vom 09.06.2017
Nein, das ist sie nicht! Denn das Ich ist ein großes, kostbares Geschenk. Es ist die Voraussetzung, um lieben zu können

Wir leben im Zeitalter des »Ich«, des Individualismus, der Selbstverwirklichung. Wird dieser Satz im kirchlichen Kontext gesagt, dann meist mit einem Seufzer. »Ich« und »Selbstverwirklichung« klingen für viele wie das Gegenteil von Nächstenliebe. Nein! Ich empfinde mein Ich als großes, kostbares Geschenk. Es ist die Voraussetzung, um lieben zu können.

Heute zählt der Einzelne so viel wie noch nie zuvor in der Geschichte der Menschheit. Wir haben in den Menschenrechten formuliert, dass kein Mensch wertvoller ist als ein anderer. Jeder hat seine eigene Würde, die es als höchstes Gut zu schützen gilt.

Eine Idee, die nicht erst im 20. Jahrhundert entstand. Sie steht schon in der Bibel. Im Alten Testament wird berichtet, wie sich Gott sein Volk erwählt, es bestraft, errettet, wieder straft und wieder rettet. Im Neuen Testament findet eine Revolution im religiösen Weltbild statt: Gott erwählt sich nicht ein Volk, sondern Jesus, einen einzelnen Menschen. Das ist die Keimzelle des modernen Ichbewusstseins.

Jesus hatte unmittelbaren Kontakt zu Gott. »Vater« hat er zu ihm gesagt. Diese Unmittelbarkeit hat er für jeden geöffnet: »Wenn ihr betet, so sagt: Unser Vater ...« Es braucht keine Vermittler mehr, keine Priester, keinen Tempel. Natürlich ist es gut, wenn man auch in Gemeinschaft betet, sich trifft, Gottesdienste feiert, sich gegenseitig stützt und trägt. Aber im Kern unseres Glaubens stehen wir höchstpersönlich in intimster Verbindung mit dem, der uns geschaffen hat.

Es ist schlimm, wenn ein Mensch innerlich verhärtet und sich nicht mehr einfühlen kann in andere. Für Martin Luther war das der Inbegriff des Sünders: der »in sich selbst gekrümmte Mensch«, der nur noch auf sich bezogen ist. Das ist der Bilderbuch-Egoist, über den oft genug hergezogen wird.

Ich habe allerdings den Eindruck, das größere Problem in unserer Gesellschaft ist der nach außen verbogene Mensch, der sein Selbstgefühl nicht aus sich bezieht, sondern aus der Reaktion der anderen. Der geliebt und beliebt sein möchte, immer der Gute sein will, nicht Nein sagen kann und Konflikte vermeidet. Der nicht nach innen hören kann, sondern aus den Nachrichten erfährt, wie es ihm geht. Oder aus der Beurteilung seines Chefs. Oder aus der Stimmung seines Partners.

Es ist schlimm, wenn ein Mensch sein Ich vergisst. Wenn seine seelische Haut

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