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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 11/2015
Rettet das Singen
Über die Macht der eigenen Stimme
Der Inhalt:

Verbotene Liebe

von Karl Grünberg vom 05.06.2015
Verurteilt wegen »Unzucht mit Männern«: Der Paragraf 175 ist erst vor 21 Jahren abgeschafft worden – und die Urteile gegen Homosexuelle wurden nie aufgehoben. Nun kämpfen die Opfer für ihre Rehabilitierung

Schwul sein war verboten. Im Kaiserreich, unter Hitler und auch in der frühen Bundesrepublik. Das regelte der Paragraf 175, der sogenannte »Schwulenparagraf«. Männer wurden verhaftet und verurteilt, weil sie andere Männer liebten. Es war eine Zeit der Angst, homosexuelle Männer versteckten sich oder gingen Ehen zum Schein ein, bekamen sogar Kinder, um bloß nicht aufzufallen. Die Verurteilten aber, die nur abfällig die »175er« genannt wurden, sie gelten bis heute als Straftäter, obwohl das Gesetz selber vor 21 Jahren abgeschafft wurde.

Friedrich Schmehling ist auch ein »175er«. Einer von 50 000 Männern, die zwischen 1950 und 1969 wegen homosexueller Handlungen nach Paragraf 175 verurteilt wurden. Und er ist einer der wenigen, die heute öffentlich darüber reden möchten.

Ich treffe ihn in seinem Wohnzimmer im bürgerlichen Bezirk Steglitz in Berlin. Der Rentner thront auf seinem hölzernen Sessel und leitet wie ein König durch sein Leben. Nein, schüchtern ist er nicht. Wenn er lacht, schüttelt sich sein prachtvoller Bauch. Es tut gut, dieses Lachen, das er erst wieder lernen musste. »Ich sitze in einem Kreis für Trauernde«, erzählt er aus seinem heutigen Leben. »Alles Frauen, die von ihren Männern erzählen, die sie verloren haben. Dann bin ich dran: Ich bin Witwer, sage ich. Auch ich habe meinen Mann verloren. Da haben die vielleicht gestaunt!«

28 Jahre waren die beiden zusammen, gemeinsame Wohnung, eingetragene Lebenspartnerschaft, bis zuletzt hat Friedrich Schmehling seinen Mann gepflegt. Es ist ihm wichtig, über diesen Teil seines Lebens zu sprechen, bevor er mich mitnimmt in seine frühere Vergangenheit.

Die ganze Stadt weiß Bescheid

Zeit: Frühling 1957, Ort: Raststatt in Baden-Württemberg. Friedrich Schmehling ist Tischlerlehrling, das Fließband sein Arbeitsplatz. Routinierte Handgriffe, drehen, stecken, schrauben, fertig ist der Stuhl. Ein Tag wie jeder andere. Doch an das, was dann geschah, kann er sich genau erinnern. Wie ein Film, einfach »Play« drücken und noch einmal anschauen.

Sein Meister hat ihn rufen lassen. Er soll sich umziehen, an der Pforte steht die Kripo. Raststatt ist klein und beschaulich. Wenn einen da die Kriminalpolizei abholte, weiß das die ganze Stadt. Was los sei, will Friedrich Schmehling wissen. Der Beamte sagt nur »Paragraf 175« und »Homosexualität«. Von

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