Zur mobilen Webseite zurückkehren
Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 11/2015
Rettet das Singen
Über die Macht der eigenen Stimme
Der Inhalt:

»Schicksale, die unter die Haut gehen«

von Annette Lübbers vom 05.06.2015
Helga Mengelberg arbeitet ehrenamtlich für Solwodi: Ein Verein, der Frauen in Not und Konflikten hilft

Immer wieder landen Berichte von Frauenschicksalen auf meinem Tisch, die mir unter die Haut gehen. Ich erinnere mich gut an eine junge Frau von etwa zwanzig Jahren. Ihr Mann drohte ihr immer wieder mit Schlägen. Irgendwann stand der Mann wieder vor ihrer Tür und tobte. Die total verängstigte Frau schaffte es gerade noch, ihre Sozialbetreuerin anzurufen. Die Polizei holte dann die Frau und ihr Baby ab und brachte sie in eine unserer Frauenberatungsstellen. Mittlerweile lebt sie – weit entfernt von ihrem Mann – in einer anderen Stadt.

Seit anderthalb Jahren arbeite ich in der Zentrale des Vereins Solwodi in Hirzenach am Rhein. Gegründet wurde er 1985 von Schwester Lea Ackermann – erst in Kenia und 1987 in Deutschland. Wir helfen Frauen, die von Gewalt, Abschiebung, Zwangsprostitution, Zwangsehen und Ehrenmorden bedroht sind. Zusammen mit der Polizei, den Jugendämtern und den Frauenhäusern arbeiten wir in 17 Beratungsstellen für Frauen in Not. Insgesamt 1552 Frauen aus 103 Ländern haben wir allein vergangenes Jahr betreut. Schwester Lea ist eine bewundernswert kraftvolle und energische Frau, ausgestattet mit viel Überzeugungskraft, Menschenkenntnis und Menschenliebe. Sie ist mittlerweile 78 Jahre alt, doch ihren Kampf für die Rechte der Frauen führt sie mit nicht nachlassendem Engagement.

Nach meiner ersten Begegnung mit ihr wusste ich sofort: Bei Solwodi möchte ich mich einbringen. Anfangs dachte ich daran, Schwester Lea zweimal in der Woche im Büro zu helfen. Nun ist daraus fast ein Halbtagsjob geworden: Hauptsächlich erledige ich einen Teil ihrer Korrespondenz, manchmal formuliere ich die Briefe selbst. Trotz einiger politischer Differenzen – ich bin sehr links geprägt – verstehen und ergänzen wir uns gut. Der Job gibt meinem Alltag Sinn und macht mir sehr viel Freude.

Doch bin ich froh, dass ich die Frauen in Not nur selten selbst am Telefon habe. Sogar unsere Fachleute sind ja manchmal am Ende ihrer Kräfte. Einmal aber habe ich ein junges Mädchen aus Nigeria für drei Wochen im Zimmer meiner Tochter untergebracht. Schlepper hatten ihr eine Stelle als Au-pair angeboten und sie dann als Prostituierte verkauft. Als sie volljährig wurde, sollte sie abgeschoben werden. Schwester Lea besorgte ihr eine Ausbildungsstelle. Ich gab Deutschunterricht, und sie hat für uns gekocht. Das waren sehr bereichernde Erfahrungen.

PFplus

Weiterlesen mit Publik-Forum Plus:

Digital-Zugang
  • Alle über 20.000 Artikel auf publik-forum.de frei lesen und vorlesen lassen
  • Die aktuellen Ausgaben von Publik-Forum als App und E-Paper erhalten
  • 4 Wochen kostenlos testen
Digital-Zugang für »Publik-Forum«-Print-Abonnenten
  • Ergänzend zu Ihrem Print-Abonnement
  • Alle über 20.000 Artikel auf publik-forum.de frei lesen und vorlesen lassen
  • Die aktuellen Ausgaben von Publik-Forum als App und E-Paper erhalten
  • 4 Wochen kostenlos testen