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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 11/2014
Gebt den Kindern das Spiel zurück!
Wie fairer Fußball geht
Der Inhalt:

Die im Dunkeln sieht man nicht

von Eva-Maria Lerch vom 13.06.2014
Papst Franziskus will eine Kirche der Armen. Aber was, um Himmels willen, heißt das?

Ach, wie möchte ich eine arme Kirche für die Armen!« Dieser Satz, den Papst Franziskus nach seiner Wahl in die Welt rief, hallt auch durch die Säle von Regensburg. Er durchdringt Gottesdienste und Workshops, beflügelt die Gespräche in Fluren und Cafeterien, schwingt wie ein Mantra durch den Katholikentag. »Mit dem Wunsch nach einer armen Kirche hat der Papst ein riesiges Echo ausgelöst«, beschreibt es der Moderator zu Beginn des Podiums »Arme Kirche – glaubwürdige Kirche?« im überfüllten Kolpinghaus: »Aber warum sind wir alle so verwundert? Der Papst tut doch eigentlich nichts anderes als das, was christliche Lehre ist!«

Tatsächlich starrt die katholische Kirche entgeistert auf den neuen Chef, der sie mit einer sensationellen Sendung in die Welt schickt, die sie schon zweitausend Jahre kennt: den Armen die Frohe Botschaft zu bringen. Papst Franziskus gleicht dem Präsidenten eines Fußballvereins, der vor lauter Rasenpflege, Trainersuche und Regeldebatten nicht mehr weiß, wo der Ball liegt – und den er kraft seines Amtes überzeugen muss, jetzt wieder Fußball zu spielen.

»Ach, wie möchte ich eine arme Kirche für die Armen.« Der Katholikentag im Jahr eins nach dem Antritt von Franziskus nähert sich diesem Wunsch auf Podien, die mit hochkarätigen Teilnehmern – Bischöfen, Kardinälen, Ministerinnen, Professoren – besetzt sind. Wer hier aber ausgefeilte Strategien und Modelle auf dem Weg zu einer armen Kirche erwartet, wird rasch ernüchtert. Denn auch die kirchlichen Experten klingen noch nachdenklich, tastend, manchmal geradezu hilflos.

Der Münchner Kardinal Reinhard Marx hat zumindest verbal die Flucht nach vorn angetreten und propagiert eine »Umorientierung der Pastoral«, die sich nicht in materiellen Zuwendungen erschöpfen dürfe: »Wir müssen uns fragen, ob Alkoholiker, Suizidgefährdete und Arbeitslose in unserer Kirche einen Platz haben.« Die Antwort kommt von Elke Mildner, die in einer therapeutischen Wohngemeinschaft in Rottenburg lebt und mit Marx auf dem Podium sitzt. »Die Armen trauen der Kirche nicht mehr«, sagt sie trocken. »Sie werden zwar der Fürsorge anheimgegeben, finden aber im Gemeindeleben nicht statt.« Die Zuwendung der Kirche zu den Armen, beobachtet Mildner, sei eher romantisch als konkret: »Da wäscht der Bischof im Dom ein paar frisch geduschte Füße – während wir nebenan mit der Krätze kämpfen.«

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