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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 11/2013
Götzen, Geld und die Gerechtigkeit
Was Christen heute herausfordert
Der Inhalt:

Weisheit ohne Doktrin

von Norbert Copray vom 14.06.2013
Ein Atheist entdeckt die humanisierende Kraft der Religionen

Alain de Botton
Religion für Atheisten
S. Fischer. 320 Seiten. 21,99 €

Nach Milan Machovecs berühmtem Buch »Jesus für Atheisten« aus dem Jahr 1972 hat nun der schweizerisch-englische Philosoph und Kulturanalytiker Alain de Botton eine »Religion für Atheisten« vorgelegt. Und so wie seinerzeit der tschechische Philosoph und Vordenker des »Prager Frühlings« Machovec als Marxist den Dialog mit den Religionen und anderen Philosophien suchte, weil er das Wertvolle und Humanisierende in ihnen erschließen und bewahren wollte, so entdeckt auch der atheistisch erzogene de Botton in den Religionen eine »Weisheit ohne Doktrin«. Er findet sie zu wertvoll, zu effektiv und zu intelligent, »um sie allein den Gläubigen« und der Ablehnung durch Atheisten zu überlassen.

De Botton weiß, dass er mit seinem Ansatz, als Atheist das Wertvolle der Religion aufzugreifen und in eine säkulare Gesellschaft neu einzubringen, sowohl die Atheisten wie die Gläubigen befremdet. Die einen, weil sie Religion jenseits der übernatürlichen Phänomene nicht zu würdigen wissen und alles Religiöse für immer auf den Schutthaufen der Geschichte werfen wollen; die anderen, weil sie sich durch eine selektive und unsystematische Betrachtung in ihren religiösen Überzeugungen gekränkt fühlen.

Wer diese Herausforderung aushält, wird das Buch mit Gewinn lesen – egal, von welcher Warte er oder sie es sieht. De Botton gelingt es nicht nur, ein Destillat von Religion für Gläubige wie Nichtgläubige bezogen auf existenzielle und soziale Grundthemen herzustellen. Er schreibt dies auch mit literarischer Qualität, einem tiefen Blick für die Bedürfnisse der Menschen und die Erfordernisse unserer Zeit sowie mit kultureller Umsicht und Weitsicht.

Der Autor lässt sich dabei von der Einsicht leiten, »dass die Religionen erfunden wurden, um zwei elementare Bedürfnisse zu befriedigen«: Erstens das Bedürfnis, »trotz unserer tief verwurzelten egoistischen und gewalttätigen Impulse harmonisch in Gemeinschaften zusammenzuleben; und zweites das Bedürfnis, mit einem bisweilen geradezu unerträglichen Ausmaß an Schmerz fertig zu werden, der aus der menschlichen Verwundbarkeit resultiert«.

Der »Irrtum des Atheismus war es«, schreibt er, »zu übersehen, dass viele Aspekte einer Religion auch dann relevant bleiben, wenn deren zentrale Lehrsätze n

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