»Der Tod hat mich schlicht vergessen«
Das Wort Aids hat seinen existenziellen Schrecken verloren. Keine Illustrierte kann mehr mit der »Schwulenseuche« Auflagen steigernd titeln, und nur Fünftklässler finden sich noch toll, wenn sie witzeln, die Abkürzung stehe für »Ab in den Sarg«. Wie aber sieht der Alltag mit Aids aus? Wie leben heute Menschen, die fast wieder schon vergessen sind, weil die Medienkarawane weitergezogen ist zu anderen Katastrophen? 1983 lernte ich Jan Stressenreuter an der Universität Köln kennen. Wir wurden, zusammen mit seinem Freund Georg, bald beste Freunde, die den ersten Liebeskummer und die letzte Flasche Rotwein teilten. Dann änderte sich plötzlich alles. 1987 wurden beide, Jan und Georg, als HIV-positiv diagnostiziert. 1989 starb Georg elendiglich. Auch Jan, damals 27 Jahre alt, stellte sich auf seinen baldigen Tod ein. Er konnte nicht mehr promovieren, weil ihm sein Professor sagte, das lohne sich ja gar nicht mehr. Seitdem arbeitet Jan bei Schwips (Schwule Initiative für Pflege und Soziales) in Köln, pflegt sterbende Aidskranke, und hat das eigene Sterben vor Augen. Jan ist ein so genannter long term survivor, ein Langzeit-Überlebender. Alle seine damaligen Freunde - bis auf mich - sind tot, und er sagt von sich: »Selbst der Tod hat mich vergessen.« In gewisser Hinsicht ist er mit seinen 38 Jahren mittlerweile ein lebendes Geschichtsbuch einer ganzen ausgestorbenen Generation homosexueller Männer. Während seine Altersgenossen heute mit Karriere und Ehe, Hypotheken und Alimenten beschäftigt sind, befasst sich Jan mit dem Tod. Und das tut er seit 13 Jahren.
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