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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 10/2020
»Die Zeit läuft uns weg«
Ein Gespräch mit Georg Bätzing
Der Inhalt:

Warum hat China ein Kind entführt?

von Ulrike Scheffer vom 29.05.2020
Nachgefragt: Fragen zum Panchen Lama an den Menschenrechtler Kai Müller

Publik-Forum: Herr Müller, der Panchen Lama wurde vor 25 Jahren im Alter von sechs Jahren mit seinen Eltern von China verschleppt. Was weiß man über sein Schicksal?

Kai Müller: Es gibt keine unabhängigen Informationen darüber, wo er sich befindet, und wie es ihm geht. Laut einem aktuellen Statement der chinesischen Regierung hat er die Universität absolviert und führt ein normales Leben. Angeblich will er nicht gestört werden. Die Tatsache, dass der Panchen Lama, der jetzt 31 Jahre alt ist, sich nicht frei bewegen und sich nicht selbst äußern kann, spricht aber wohl für sich. China gewährt auch niemandem Zugang zu ihm.

Welche Bedeutung hat der Panchen Lama?

Müller: Er ist neben dem Dalai Lama der wichtigste Würdenträger im tibetischen Buddhismus. Er steht einem großen Kloster in Tibet vor und hat traditionell großen Einfluss auf das gesellschaftliche Leben. Ihm wird außerdem eine wichtige Rolle bei der Findung des nächsten Dalai Lama zukommen. Der Vorgänger des aktuellen Panchen Lama vertrat lange die Linie Chinas und war zunächst von Peking wohlgelitten. Als er dann aber begann, die Missstände in Tibet anzuprangern, wurde er verfolgt. Die Kommunistische Partei will alle Aktivitäten außerhalb ihrer Kontrolle unterbinden. Das betrifft insbesondere wichtige Geistliche des tibetischen Buddhismus.

Ist das der Grund für die Entführung?

Müller: Davon kann man ausgehen. China hat den Anspruch, die Würdenträger des tibetischen Buddhismus zu ernennen. Entsprechend hat Peking selbst einen Panchen Lama eingesetzt und wird nach dem Tod des Dalai Lama voraussichtlich ähnlich verfahren. Das steht jedoch im Widerspruch zu Menschenrechtsprinzipien und geht an den Kern der Religionsfreiheit. Jede Religionsgemeinschaft hat das Recht, ihre Würdenträger zu bestimmen. China lässt das aber nicht zu. Das betrifft nicht nur die Tibeter, sondern auch Christen und andere Religionsgruppen.

Wie reagieren die Tibeter auf die Interventionen?

Müller: Der Schmerz über das Verschwinden des Panchen Lama ist eine tiefe Wunde im kollektiven Bewusstsein der Tibeter. Erst im vergangenen Jahr wurden zwei Demonstranten zu mehrjährigen Haftstrafen verurteilt, weil sie seine Freiheit gefordert haben.

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