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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 10/2016
Hoffnung für die Stadt
Theologe Jürgen Moltmann über Christsein in den kapitalistischen Metropolen
Der Inhalt:

Wenn das Gewissen der Welt versagt

von Ruth Renée Reif vom 27.05.2016
Ein Fotograf der syrischen Militärpolizei hat die Verbrechen Baschar al-Assads an seinem Volk dokumentiert. Die Syrien-Kennerin Garance Le Caisne hat ihn getroffen

Zu Beginn des Jahres 2014 tauchten im Internet Tausende Fotos syrischer Folteropfer auf. Sie stammten von einem Fotografen der syrischen Militärpolizei. Er hatte den Auftrag erhalten, Leichen von Oppositionellen, die vom Assad-Regime zu Tode gefoltert worden waren, zu fotografieren. Was er sah, entsetzte ihn so sehr, dass er sich entschloss, die Fotos heimlich zu kopieren und außer Landes zu schaffen. 2013 floh er aus Syrien und hielt sich unter dem Decknamen »Caesar« versteckt. Die Echtheit seiner Bilder wurde inzwischen bestätigt; sie wurden der Weltöffentlichkeit vorgelegt. Die französische Journalistin und Syrien-Kennerin Garance Le Caisne machte Caesar ausfindig und sprach mit ihm. Publik-Forum hat nachgefragt.

Publik-Forum: Madame Le Caisne, Sie haben Caesar getroffen. Wie geht es ihm?

Garance Le Caisne: Caesar ist enttäuscht von der Tatenlosigkeit der internationalen Gemeinschaft. Er fragt sich, wozu er sein Leben und das seiner Angehörigen all den Gefahren und Ängsten ausgesetzt hat. Doch im Grunde weiß er, dass er nicht anders handeln konnte. Vielleicht hatte er eine etwas zu naive Vorstellung von der Weltpolitik und der internationalen Justiz. Er dachte, wenn er diese Fotos vorlegt und man sieht, was für ein kriminelles Regime da in Syrien herrscht, würde Assad sofort gestürzt werden. Man kann das verstehen: Die Syrer leben seit den 1970er-Jahren unter einer Diktatur. Sie haben keine Ahnung von den geheimen Abläufen der internationalen Politik. Es ist aber auch für uns im Westen befremdlich, warum die Täter nicht strafrechtlich belangt werden. Caesar musste zeitweilig fürchten, dass die westlichen Regierungen wieder Kontakt mit Assad aufnehmen, weil sie den Kampf gegen den IS als wichtiger ansehen als die Verbrechen des Regimes.

Versagt in Syrien das Gewissen der Welt?

Le Caisne: Das ist ein großes Versagen der Menschlichkeit. Was in Syrien geschieht, berührt die ganze Welt. Doch der französische Verteidigungsminister erklärte nach den Attentaten vom 13. November in Paris, dass der IS unser Problem sei und nicht das syrische Regime. Denn der IS agiere auf unserem Boden, während das syrische Regime nur die Syrer betreffe. Das ist eine unhaltbare Einstellung. Ob ich Syrerin bin oder Französin, menschliche Werte gelten für alle. Die Unterdrücku

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