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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 10/2016
Hoffnung für die Stadt
Theologe Jürgen Moltmann über Christsein in den kapitalistischen Metropolen
Der Inhalt:

Sozialprotokoll: »Jetzt ist die Welt dran«

von Rebekka Sommer vom 27.05.2016
Sie hat sich durchgeboxt: Marion Adam (31) erzieht ihre zwei Söhne alleine. Ihr Leben sei irre, sagt sie – und total normal

Wie es ist, alleinerziehend zu sein? Eins kennen wir wohl alle: Vorurteile und Bevormundung. Das fängt bei der Wohnungssuche an: »Nein, diese kleine Wohnung können Sie Ihrem Kind nicht antun.« Als ich mit zwanzig schwanger war, sagte mein Ausbilder, ich hätte keine Perspektive. »Wenn du meine Tochter wärst, würde ich für die Abtreibung sorgen.« Als ich mich in einem Supermarkt bewarb, sagte der Filialleiter mit den Worten ab, er könne eine Alleinerziehende nicht zuverlässig für Wechselschichten einsetzen.

Ich war nie ein typisches Mädchen. Ich habe mit den Köpfen von Barbiepuppen Fußball gespielt und machte später eine Ausbildung auf dem Bau. Mit 16 habe ich allein gewohnt, Verantwortung auf die harte Tour gelernt. Alleinerziehend, das heißt für mich: Ich kann auf nichts vertrauen, was ich nicht selbst organisiere. Dass meine beiden Söhne betreut sind. Dass sie neue Hosen kriegen, wenn sie welche brauchen. Einer der beiden wird gerade auf Autismus getestet. Beim anderen muss man hinterher sein, dass er die Hausaufgaben macht. Der Kleine hat sich im Kindergarten mal in den Finger geschnitten. Die Erzieher riefen mich nicht an, weil es angeblich nicht so schlimm war, der Schnitt musste dann aber abends genäht werden. Wegen solcher Dinge bin ich zum Kontrollfreak mutiert: Ich traue keinem, sondern erledige alles selbst. Meistens zu Fuß oder mit dem Bus. Ein Auto habe ich nicht, und mein Fahrrad steht platt im Keller. Hauptsache, die Räder der Jungs sind heil. Es kommt so oft vor, dass man die Sachen für sich selbst vergisst. Kürzlich ging ich los, um mir eine neue Hose zu kaufen – und kam mit drei Kinderpullis zurück.

Mit dem Vater des Großen hatte ich nur einen One-Night-Stand. Es war klar, dass wir kein Paar würden. Bei einem Abendessen sagte er zu mir, ich könne auch abtreiben. Das sei ja sonst, als ob er sich ein Auto kaufe und es dann nicht benutzen könne. Später schlug er vor, dass mein neuer Freund das Kind adoptiert. Und dann, urplötzlich, wollte er den Kontakt. Er hat sich sogar in der Schule als Elternvertreter gemeldet. Der Junge ist jetzt oft bei ihm. Ich habe es aufgegeben, andere Menschen zu verstehen. Kurz nach der Geburt des Großen kam ich mit dem Vater des Kleinen zusammen. Doch als der Jüngste zur Welt kam, war ich schon wieder allein. Nach der Trennung warfen die Schwiegereltern mir vor, ich hätte nur ein Kind gewollt und würde mir mit dem Unterhalt ein schönes Leben mache

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