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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 10/2016
Hoffnung für die Stadt
Theologe Jürgen Moltmann über Christsein in den kapitalistischen Metropolen
Der Inhalt:

Der Traum der Mütter

von Bernhard Clasen vom 27.05.2016
Seit dem 2. Oktober 1992 ist Nineli Andrjadzes Sohn verschwunden. Starb er im Bürgerkrieg? Georgische und abchasische Mütter suchen gemeinsam nach ihren Kindern

Es war der entscheidende Tag im Leben der Georgierin Nineli Andrjadze: der 2. Oktober 1992. Damals herrschte Krieg in ihrem Land: zwischen aufständischen Abchasiern, die sich mithilfe russischen Militärs von Georgien loslösten, und der georgischen Zentralmacht in Tiflis. Einer derer, die freiwillig in den Krieg gegen die aufständische Region Abchasien gezogen waren, war Konstantin Andrjadze, der Sohn von Nineli. An jenem Oktobertag flog er mit seiner Einheit nach Gargra. Seitdem hat Nineli nie wieder etwas von ihrem Sohn gehört.

Über ein Jahr fühlte sich Nineli orientierungslos, war verzweifelt. »Im Dezember 1993 hatte ich mich entschieden. Ab sofort gehörte mein Leben den Vermissten. Allen Vermissten. Georgischen und abchasischen Vermissten. Tote können doch kein Feinde mehr sein«, erklärt sie. Gemeinsam mit anderen Müttern und Ehefrauen, die im Krieg ihre Söhne und Männer verloren hatten, machte sie sich auf den Weg. Sie stellte Kontakte zu Frauen auf der anderen Seite her. Es folgten Fahrten in Dörfer und auf ehemalige Schlachtfelder. »Einfach war das nicht«, sagt die heute 72-jährige Historikerin. »Damals herrschte Bürgerkrieg. Wer von einer Stadt in eine andere wollte, musste unzählige Checkpoints überqueren. Und die Soldaten waren uns häufig nicht wohlwollend gesinnt. Schließlich war ja bekannt, dass wir Freundinnen auf der anderen Seite hatten.«

Doch das, so Nineli, habe die Frauen nur noch mehr zusammengeschweißt. Sie seien zu einer richtigen Familie zusammengewachsen. »Wir georgische und abchasische Mütter haben uns versprochen, uns nicht zu belügen. Das ist unsere Arbeitsgrundlage.«

Die Frauen um Nineli haben eine Organisation gegründet: Molodini (auf Deutsch: »warten«). 2000 Namen von Vermissten finden sich in ihrer Datenbank, 236 Menschen haben sie lebend gefunden, von 165 Personen die sterblichen Überreste repatriiert. Die Mitglieder von Molodini mussten sich nicht nur das Vertrauen der Partnerinnen auf der anderen Seite des Konfliktes erwerben. Auch die eigenen Behörden mussten motiviert werden, etwas für die Vermissten und ihre Angehörigen zu tun.

Dem Druck der Mütter um Nineli ist es zu verdanken, dass die georgischen Behörden 1996 eine staatliche Vermisstenkommission fest installiert hatten. Ein Museum im Stadtzentrum von Tiflis erinnert an die Vermissten des Krieges. Und sie haben in langen Ver

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