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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 10/2015
Zum Anbeißen
Christian Nürnberger: Warum mir der Protestantismus schmeckt
Der Inhalt:

Zum Anbeißen

von Christian Nürnberger vom 22.05.2015
Warum mir der Protestantismus schmeckt: Er ist die einzig zeitgemäße Konfession. Ihm kann es gelingen, die aufgeheizten religiösen Debatten zu befrieden

Religionen nerven. Ihre Mitglieder bekämpfen einander, hassen sich, bringen sich gegenseitig um oder köpfen »die Ungläubigen« vor laufender Kamera. Schiiten gegen Sunniten gegen Alawiten gegen Aleviten und alle gegen die Juden. Muslime gegen Christen. Hindus gegen Muslime. Liberale Juden, Protestanten und Katholiken gegen konservative Evangelikale, Traditionalisten, Orthodoxe.

Alle zusammen nerven besonders einen: den modernen, westlichen, einigermaßen aufgeklärten Durchschnittsbürger, dessen absolute Wahrheit lautet, dass es keine absolute Wahrheit gibt. Wenn es sie doch geben sollte, dann wird sie keinem Sterblichen zuteil. Und das, so dachte dieser moderne Mensch noch bis vor Kurzem, sei eigentlich Konsens, zumindest in Mitteleuropa.

Vorbei. Kreuze raus aus den Schulen, Gebetsräume für Muslime rein, Speisegebote in den Kantinen, Tanzverbot am Karfreitag, keine Fußballspiele am Totensonntag, Kopftücher, Burkas, Schächten. Beschneidungen der Vorhaut und Beschneidungen der Meinungsfreiheit aus Rücksicht auf religiöse Gefühle oder aus Gründen der Sicherheit vor Terrorismus, Diskussionen über eine Verschärfung des Blasphemie-Paragrafen – die Zahl der religiös bedingten Konflikte steigt mit der Zahl der Einwanderer, die ihre kulturellen und religiösen Hintergründe mitbringen. Der »normale« Mitteleuropäer möchte davon eigentlich nicht behelligt werden, ist aber gezwungen, sich damit auseinanderzusetzen, obwohl er nicht besonders bibelfest ist und vom Koran in der Regel überhaupt nichts weiß. Er versteht nicht, warum die Identität eines Mannes an dessen Vorhaut und die Ehre einer Familie am Jungfernhäutchen der Tochter hängen soll. Er weiß nicht, worum es beim Abendmahlsstreit zwischen Protestanten und Katholiken geht, und will es auch gar nicht wissen. Er weiß auch nicht, was am Schwein schlechter oder unreiner sein soll als am Schaf. Er versteht nicht, wie sich fehlbare Menschen als Papst, Imam oder Oberrabbiner anmaßen können, für alle verbindliche Wahrheiten zu formulieren. Noch weniger versteht er, dass sich im 21. Jahrhundert Millionen Einzelne dem jeweiligen Diktum ihrer Autoritäten unterwerfen und sich bis in ihr Sexualleben hinein vorschreiben lassen, was schicklich sei.

Es fällt ihm schwer, solch einem Verzicht auf selbstständiges Denken den Respekt zu zollen, der von den Autoritäten – allen voran den islamischen – ziemlich laut eingeklagt wird. Dennoch hält

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