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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 10/2013
Die Weisheit des Körpers
Wie wir lernen, unseren Gefühlen zu vertrauen
Der Inhalt:

Die Galerie der hörenden Menschen

von Claudius Grigat vom 31.05.2013
In seinem »Erinnerungsbüro« sammelt der Künstler Mats Staub Momente des Innehaltens, um
zu verstehen, was gewesen ist, woher etwas kommt, wie wir zu denen geworden sind, die wir sind

Welches sind die zehn wichtigsten Ereignisse meines Lebens? Markus (49), Redakteur aus Basel, hat diese Frage beantwortet. Er beginnt so: »JUNI 1985: Ich fahre als frischgebackener Maturand auf der Heimreise von Basel über die Lorrainebrücke und denke selbstbewusst: Ich kann alles, die Welt wartet auf mich.« Das zehnte Ereignis auf seiner Liste: »SEPTEMBER 2010: Bea erzählt mir von Tom.«

Markus hat beim neuesten Projekt von Mats Staub mitgemacht. Wie nahezu alle Arbeiten des Schweizer Künstlers kreist auch dieses »webbasierte Langzeitprojekt« um das Thema Erinnerungen. Und wie eigentlich alle seine Arbeiten so lebt auch diese vom Teilnehmen, in mehrfacher Hinsicht: Wer auch immer möchte, ist eingeladen, die Internetseite des Projekts zu besuchen und – nach einer Anleitung und natürlich auf Wunsch anonym – seine zehn wichtigsten Lebensereignisse beizusteuern. Parallel dazu läuft eine Plakataktion. Wie bei allen seinen Arbeiten verfolgt Mats Staub damit schließlich vor allem ein Ziel: möglichst viele Menschen zum eigenen Erinnern anzuregen. »Eigentlich sind alle meine Projekte mehr oder weniger eine Art ›Befragung des Publikums‹«, sagt er und bezogen auf seine Kunst allgemein: »Ich finde es gut, wenn sie Menschen zum Erinnern anhält. Anhalten ist durchaus wörtlich zu verstehen. Es braucht Momente des Innehaltens, um sich zu vergegenwärtigen, was gewesen ist, woher etwas kommt, wie wir zu denen geworden sind, die wir sind – und ob das so bleiben soll.« Mats Staub gräbt nun diese Momente aus, genauer: die Erinnerung daran. Das tut er mit allen medialen Mitteln, die zur Verfügung stehen.

Erinnern als Verdichtung

Noch radikaler als bei den »Zehn wichtigsten Ereignissen meines Lebens« (wo immerhin ein Ereignis in einem oder mehreren Sätzen und ein Datum stehen bleiben) reduziert Mats Staub die Erinnerungen von Menschen in zwei anderen Projekten: »Die Namen der Liebe« und »Feiertage«. Hier geht es nur mehr um Platzhalter, um Namen oder Zahlen.

Bei »Die Namen der Liebe« sind Videoaufzeichnungen von Menschen zu sehen, die ausschließlich die Namen der »Lieben ihres Lebens« nacheinander aufzählen: Einen »Ferdinand« nennt die alte Dame, nach einigem Überlegen noch einen »Friedhelm«. Der Film ist nicht länger als ein durchschnittliches Musikvideo zu einem Lovesong – und doch ertönt im Raum, wo die Videoinstallation aufgebaut ist, eine ganze S

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