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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 10/2010
Rebellion auf leisen Sohlen
Der Ökumenische Kirchentag in München
Der Inhalt:

Zur Quelle nur barfuß

von Eva-Maria Lerch vom 28.05.2010
Spiritualität in Zeiten des Missbrauchsskandals: Nur wer in die eigenen Abgründe steigt, kann Gott und sich selber finden

Am Eingang steht ein Korb für die Schuhe. Wer sich auf den Weg zur Quelle macht, soll barfuß gehen. Auf nackten Füßen gehen die Menschen still über den krummen Sandweg, sie tragen schwere Steine, bringen sie zum Quellbrunnen und legen ihre Last dort nieder. »Selig sind, die da Leid tragen, denn sie sollen getröstet werden«, steht auf dem Boden. Wer will, kann dann einen Stift nehmen und eine eigene Seligpreisung formulieren. Am Ausgang der Oase werden die Schuhe im Körbchen nachgeliefert und wieder angezogen. Doch die Wärme unter den Sohlen bleibt.

Wir befinden uns in Halle B2 auf dem Münchner Messegelände. Sieben Oasen warten hier unter Zelten und Palmen auf die Teilnehmer des Kirchentags. Inmitten des lauten Messegetümmels soll man im Geistlichen Zentrum zu sich selber kommen, schweigen und Begegnung finden. Ordensleute im Habit reichen einen Tonkrug mit klarem Wasser. Unter einem Distelstrauch denken die Besucher – wie der biblische Prophet Elias – über ihre Erschöpfung nach. Sie dürfen aber auch in die »Oase der Fußwaschung« gehen, die müden Füße in einen Bottich stellen, wo sie von Mitgliedern der Jesusbruderschaft Gnadenthal liebevoll gewaschen werden. Es riecht nach Seife und Rosenöl.

Wohlriechend und sinnlich geht es auch im Zentrum Bibel zu. Auf einem langen Tisch stehen Schalen mit den Kräutern der Bibel: Man darf hineinfassen, Dill und Minze reiben, Lavendel riechen und das passende Wort aus der Bibel dazu lesen. Da stehen Weihrauch und Myrrhe, die Geburtsgeschenke Jesu, und auch das kostbare Nardenöl, mit dem die Sünderin dem Meister die Füße salbte. Dazu wird ein alttestamentlicher Honigmet ausgeschenkt.

Wenn Menschen von heute das Transzendente suchen, dann wollen sie etwas Konkretes erfahren, wollen fühlen, riechen, schmecken, murmeln, schweigen, wandern und tanzen. Sie wollen Gott in ihrem Atem spüren, auf der Haut, in der Nase, auf der Zunge, in den Flächen ihrer Hände und unter ihren Füßen. Der Trend ist nicht ganz neu, wird aber hier auf dem Ökumenischen Kirchentag besonders deutlich.

Die verkopfte christliche Spiritualität wurde in den letzten Jahrzehnten vor allem durch buddhistische und hinduistische Meditationsmethoden verwandelt. Sie haben Eingang ins Christentum gefunden und zu einer neuen Innerlichkeit geführt. Aber davon ist auf dem ÖKT wenig zu spüren. Zen

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