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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 10/2010
Rebellion auf leisen Sohlen
Der Ökumenische Kirchentag in München
Der Inhalt:

Der Zwischenfall

von Britta Baas vom 28.05.2010
Alle Welt verkleidet sich. Vielleicht ist auch Gott in München? Möglich wär’s ja

Bei Kirchentagen muss man mit allem rechnen. Sogar mit der Basis. Man erkennt sie nicht immer gleich, die Basis. Sie verkleidet sich gelegentlich, und man weiß dann nicht, was sie im Schilde führt.

Am Samstagnachmittag ist die Basis ein Engel. Das Podium in Hörsaal 1200 hat sich gerade so richtig heiß geredet, als er einschwebt. Von oben links, durch die Hörsaaltür. Ganz in Weiß, blonde Locken, große Flügel. »Wow, echte Federn!«, denke ich als Erstes. Dann schießt mir durch den Kopf: »Was mache ich jetzt, wenn der Engel zu uns aufs Podium kommt und mitreden will?« Im Fernsehen haben sie für so einen Fall vorgesorgt; wenn die Sendung läuft, kommt niemand mehr ins Studio. Beim Kirchentag rettet einen keiner, schon gar nicht vor Engeln.

Ich schätze den Himmelsboten auf Mitte fünfzig. Ein Mann. Verstohlen beobachte ich ihn aus den Augenwinkeln. Langsam arbeitet er sich die Stufen des Hörsaals herunter. Gleich! Gleich wird er seine Botschaft verkünden. Da hält der Engel auf einmal inne, rafft sein Himmelsgewand zusammen und schiebt sich vorsichtig in die fünfte Bankreihe von hinten. Klipp, klapp, werden die Flügel zusammengefaltet; der Engel stützt die Ellenbogen auf den Tisch. Zuhören! Das will er also. Hat man so etwas schon je von Engeln gehört?

Andernorts verkleidet sich die Basis als Kamel. Das ÖKT-Netzwerk für soziale Gerechtigkeitsteckt dahinter. In der Bibel heißt es: »Eher geht ein Kamel durchs Nadelöhr, als dass ein Reicher in den Himmel kommt.« Aber in München gilt: »Eher geht ein Kamel durchs Nadelöhr, als dass ein Kamel auf die Bühne kommt.« Während der Engel sich am Samstag brav in die Bank quetscht, ist das Kamel am Donnerstag wild entschlossen, beim Wise-Guys-Konzertauf der TheresienwieseUnterschriften für den Aufruf »Fair teilen statt sozial spalten« zu sammeln. Die Wise Guys haben auch gar nichts dagegen. Aber die Polizei! Ein spontaner Auftritt von mehreren Jugendlichen – davon zwei im Kamel-Kostüm? Unmöglich! »Mehr als zwei Personen mit einem politischen Ziel sind eine Demonstration. Und die muss angemeldet werden.« Die Gerechtigkeit darf kein Kamel sein.

Hat sich Gott für diesen Ökumenischen Kirchentag

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