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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 10/2010
Rebellion auf leisen Sohlen
Der Ökumenische Kirchentag in München
Der Inhalt:

»Dafür danke ich jeden Tag«

von Jürgen Israel vom 28.05.2010
Als Christin in der DDR Lehrerin zu werden war fast unmöglich. Heute kann Renate Nowotnick offen mit ihren Schülern sprechen

Lehrerin, das war mein Traumberuf von Kindesbeinen an. Aber als Pfarrerstochter, 1955 in der DDR geboren, war das alles andere als selbstverständlich. Zur Erweiterten Oberschule und zum Studium bin ich nur gekommen, weil mein Vater Mitglied der Kirchenleitung war und als früheres Mitglied der Bekennenden Kirche ein gewisses gesellschaftliches Ansehen besaß.

Trotzdem legte mir unser Seminargruppenbetreuer, ein Dozent der Amerikanistik, noch vor der Immatrikulation nahe, das Studium zu lassen. Mit meinem kirchlichen Hintergrund hätte ich an einer sozialistischen Schule nichts verloren. Er fragte mich, wie ich mit meiner »unwissenschaftlichen Weltanschauung« denn jemals Werke der DDR- und Sowjetliteratur unterrichten wolle. Der Staatssicherheitsdienst versuchte zudem, zwei Kommilitoninnen zu erpressen, sie sollten mich bespitzeln. Beide blieben standhaft, haben abgelehnt. Das rechne ich ihnen heute noch hoch an.

Studiert habe ich Englisch und Deutsch. Was wir da aus der Gegenwartsliteratur behandelten, war zum großen Teil nach ideologischen und weniger nach künstlerischen Kriterien ausgesucht. Viele dieser Autoren spielten weder in Großbritannien noch in den USA eine wichtige Rolle; uns aber wurden sie als Beispiele einer fortschrittlichen, sozialkritischen Literatur vorgestellt. Schriftsteller der Weltliteratur, die der DDR nicht in den Kram passten, wurden lediglich als Feinde benannt, ihr Werk ignoriert, wie zum Beispiel Bruce Marshall, Thornton Wilder und sogar Oscar Wilde! Weil meine christliche Einstellung bekannt war und ich keiner Partei, auch nicht der Blockpartei CDU, angehörte, konnte ich nicht Lehrerin an einer Erweiterten Oberschule, das entspricht heute dem Gymnasium, werden. Ich kam an eine Polytechnische Oberschule; so hieß in der DDR die Regelschule, die bis zur zehnten Klasse ging. Die Schule wurde mir vorgeschrieben, sie war in Luckau. Das ist eine Kleinstadt in Brandenburg, in der Nähe des Spreewalds. Wenn ich daran denke, dass ich weder als Studentin noch als Lehrerin jemals nach England fahren durfte, werde ich heute noch wütend.

Unmittelbar nach dem Ende der DDR wurde als eine der ersten Entscheidungen des »Runden Tisches« die 1982 geschlossene Erweiterte Oberschule in Luckau wiedereröffnet, und ich bekam eine Lehrerinnen-Stelle für Englisch und Deutsch angeboten. Ich wollte aber die Schül

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