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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 9/2020
Arbeiten und Leben nach Corona
Was wir aus der Krise lernen können
Der Inhalt:

Wie gelingt der Abschied?

von Markus Dobstadt vom 15.05.2020
Sprechstunde: Fragen an die Frankfurter Bestatterin Sabine Kistner zu Trauerfeiern in Corona-Zeiten

Publik-Forum: Frau Kistner, große Beerdigungen und Trauerfeiern sind derzeit nicht möglich. Kann man überhaupt noch würdig Abschied nehmen?

Sabine Kistner: Der Ablauf von Beerdigungen ist sicher anders, es gibt nur Feiern am Grab im kleinen Kreis. Aber wir können sie trotzdem persönlich gestalten. Ich habe kürzlich von einer Beerdigung gehört, bei der sich die Angehörigen weit auf dem Friedhof verteilt und so gemeinsam gesungen haben. Alle, die nicht dabei sind, können Briefe oder Fotos schicken, die sie dem oder der Verstorbenen mitgeben wollen. Oder jemand legt für jeden Abwesenden eine Blume ins Grab und nennt deren Namen. Derzeit verschieben viele die Beerdigung wegen der Einschränkungen. Aber die Zeit zwischen Tod und Beerdigung ist emotional eine besondere, man sollte sie nicht so lange ausdehnen.

Sie begleiten Trauernde auch vor der Beerdigung individuell. Wie sieht das jetzt aus?

Kistner: Das kommt darauf an, wo ein Mensch verstorben ist. Zu Hause dürfen Verstorbene bis zu 36 Stunden bleiben. Angehörige können dort einzeln Abschied nehmen. Hygieneregeln gelten wie überall sonst: Abstand halten und hinterher Hände waschen. Bei uns im Bestattungsinstitut versuchen wir, eine Atmosphäre wie zu Hause zu schaffen. Angehörige können bis zu zehn Tage lang immer wieder kommen und Abschied nehmen, sogar über Nacht. In Corona-Zeiten wird das eher weniger genutzt. Für Menschen, die an Covid-19 verstorben sind, gelten besondere Regeln.

Welche sind das?

Kistner: Verstorbene müssen leider gleich in eine luftdichte Hülle gelegt und zum Krematorium oder Friedhof gebracht werden. Aber selbst da suchen wir nach Möglichkeiten des persönlichen Abschieds. Eine Frau fuhr mit ihrem Auto hinter uns her, als wir ihren verstorbenen Vater zum Krematorium gebracht haben. So hat sie ihn noch ein Stück des Wegs begleitet.

Sie bieten Angehörigen an, einen Verstorbenen mit zu waschen. Auch in diesen Zeiten?

Kistner: Ja, geschützt durch Handschuhe, Mundschutz und Kittel ist das möglich. Die Berührung ist für Angehörige wichtig und im wahrsten Sinne ein Moment des Begreifens, dass ihr geliebter Mensch nun tot ist – sie spüren die Kälte –, aber sie ist auch ein Moment der Zärtlichkeit. Gerade i

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