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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 9/2020
Arbeiten und Leben nach Corona
Was wir aus der Krise lernen können
Der Inhalt:

Schwules Zimmer mit Aussicht

von Markus Reiter vom 15.05.2020
Homosexualität war in fast allen westlichen Ländern lange verboten, Schwules in der Literatur wurde oft verklausuliert. Die Romane von James Baldwin und Ocean Vuong trennen 63 Jahre – und doch verbindet sie einiges

Als der New Yorker Schriftsteller James Baldwin Mitte der 1950er-Jahre »Giovannis Zimmer« über die Liebesaffäre zweier Männer in Paris veröffentlichen wollte, lehnte sein Verlag das Manuskript rundweg ab. Seine Literaturagentur riet ihm, die Seiten zu verbrennen und das Thema nie wieder zu erwähnen. Baldwin hatte gerade mit seinem Roman »Von dieser Welt«, einer autobiografisch geprägten Coming-of-Age-Geschichte, seinen ersten Erfolg verzeichnet. Ein schwarzer Schriftsteller, der über seine Erfahrungen mit dem Rassismus in Amerika schreibt, würde sich hervorragend als literarische Stimme der aufstrebenden Bürgerbewegung um die Antagonisten Martin Luther King und Malcom X vermarkten lassen. Aber nun diese Geschichte über homosexuelle weiße Männer im fernen Europa? Rasch wurde Baldwin, nachdem die Veröffentlichung durch einen britischen Verlag 1956 doch noch gelungen war, von Literaturkritikern wie Publikum zu verstehen gegeben, er solle es mit seiner Außenseiterrolle mal nicht übertreiben.

Als im vergangenen Jahr der Roman »Auf Erden sind wir kurz grandios« des amerikanischen, aus Vietnam stammenden Lyrikers Ocean Vuong erschien, legte der Verleger des Hanser-Verlages, Jo Lendle, den Rezensionsexemplaren an die Literaturredakteure ein Blatt bei, auf dem er in anrührend persönlichen Worten die Qualität des Buches lobte. Die Kritiker waren denn auch begeistert von Vuongs autobiografischem Roman, der in poetischer Sprache Migrationserfahrungen und eine schwule Liebesgeschichte verknüpft. Besonders lobten sie die Sex-Szene, in der der Ich-Erzähler halb zärtlich, halb brutal »entjungfert« wird. Im 21. Jahrhundert kann man mit der Außenseiterrolle nicht mehr so leicht schockieren.

63 Jahre liegen zwischen diesen beiden Büchern. Ohne Zweifel hat sich die Rezeption von literarischen Werken, in deren Mittelpunkt eine schwule Liebesgeschichte steht, gewandelt. Kaum jemand fühlte sich zum Beispiel veranlasst, »Auf Erden sind wir kurz grandios« als einen »schwulen Roman« zu bezeichnen, obwohl die Affäre zwischen dem vietnamesisch-stämmigen Ich-Erzähler und einem jungen weißen Amerikaner der Unterschicht eines der zentralen Motive darin darstellt.

Noch vor wenigen Jahren wäre bei einer solchen Thematik das Etikett unvermeidlich gewesen. Zugleich empfanden sich die Autoren selbst explizit als »schwule Schriftsteller«, die ihre »schwule Literatur« einer heterosexuellen entgegenset

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