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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 9/2017
Reformation 2.0: Das wahre Erbe Martin Luthers
Der Inhalt:

REFORMATION AM RANDE: Die kurze Spanne Hoffnung

von Otto Betz vom 12.05.2017
Papst Hadrian VI. erkannte die berechtigten Anliegen der Reformation. Doch er hatte nicht die Zeit, den Vatikan zu ändern

Wir wissen wohl, dass auch bei diesem Heiligen Stuhl schon seit manchem Jahr viel Verabscheuungswürdiges vorgekommen, Missbräuche in geistlichen Sachen, Übertretungen der Gebote, ja, dass alles sich zum Argen verkehrt hat. So ist es nicht zu verwundern, dass die Krankheit sich vom Haupt auf die Glieder, von den Päpsten auf die Prälaten verpflanzt hat.«

Dieses Schuldbekenntnis ließ Papst Hadrian VI. kurz nach seinem Amtsantritt durch seinen Legaten vor dem Reichstag in Nürnberg im Januar 1523 verlesen. In aller Öffentlichkeit sollte die Schuldverstrickung der Kirche bekannt werden. »Wir alle, Prälaten und Geistliche, sind vom Wege des Rechtes abgewichen, und es gab schon lange keinen Einzigen, der Gutes tat […]. Deshalb sollst Du in unserem Namen versprechen, dass wir allen Fleiß anwenden wollen, damit zuerst der Römische Hof, von welchem vielleicht alle die Übel ihren Anfang genommen haben, gebessert werde; dann wird, wie von hier die Krankheit ausgegangen ist, auch von hier die Gesundheit beginnen.«

Wer war dieser Mann, der eine Reform der katholischen Kirche von oben versuchte? Geboren war Adrian Boeiens am 2. März 1459 als Sohn eines Schiffszimmermanns in Utrecht. Da sein Vater starb, als Adrian erst zehn Jahre alt war, wurde er zu den »Brüdern vom gemeinsamen Leben« in Zwolle gegeben und in seiner Frömmigkeit stark von der sogenannten »Devotio moderna«, einer religiösen Erneuerungsbewegung, geprägt. An der Universität Löwen studierte er Philosophie, Theologie und Kirchenrecht und lehrte dort ab 1493. Zu seinen Schülern gehörte Erasmus von Rotterdam, mit dem er später befreundet war. Kaiser Maximilian berief Adrian 1507 zum Erzieher seines Enkels, des späteren Kaisers Karls V., damals sieben Jahre alt. Er folgte Karl V. nach Spanien, als dieser dort sein Königtum antrat. 1516 wurde Adrian Bischof von Tortosa, 1517 Kardinal.

Völlig überraschend wurde er am 9. Januar 1522 zum Papst gewählt, was unter den Römern, die immer nur italienische Päpste gewohnt waren, Verärgerung und Wut auslöste. Ein »Barbar« sollte Nachfolger des prunksüchtigen, bauwütigen, aber auch kunstsinnigen Medici-Papstes Leo X. werden? Ein Spottgedicht höhnte über seine Wahl: »Oh du räuberisches Kollegium, das du den schönen Vatikan der deutschen Wut ausgeliefert hast.« Die »deutsche Wut« bestand in Hadrians asketischer Frömmigkeit. Er lebte bescheiden, versuchte, auf das Kriegführen zu verzich

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