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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 9/2013
Die Suchbürger
Evangelischer Kirchentag: Offen, freundlich, unentschieden
Der Inhalt:

Abgegeben, angenommen

von Ulrike Schnellbach vom 17.05.2013
»Vertraute Fremdheit«: Eric Breitinger (51) hat ein Buch über erwachsene Adoptierte geschrieben. Er ist selbst einer von ihnen

Lange Zeit konnte ich nicht darüber reden, was es für mich bedeutet, adoptiert zu sein. Mir fehlten die Worte – und das, obwohl ich für mich in Anspruch nehme, dass ich Gefühle gut in Worte fassen kann. Ein Bekannter riet mir, mit anderen zu reden, die ebenfalls adoptiert sind, vielleicht hätten sie ja Worte dafür. So entstand die Idee, ein Buch über erwachsene Adoptierte zu schreiben.

Früher hatte ich das Gefühl: Ich bin adoptiert, und die anderen sind es nicht. Durch die Arbeit an dem Buch hat sich das geändert: Wir sind ja viele, und wir haben einiges gemeinsam. Zum Beispiel die Erfahrung, als Kind von Mutter und Vater weggegeben worden zu sein – das ist dem Selbstwertgefühl oft abträglich. Statt eines Urvertrauens entwickeln viele ein Ur-Misstrauen. Und manche reproduzieren das Muster, sich abgelehnt zu fühlen, zum Beispiel indem sie sich unbeliebt machen. Das kenne ich bei mir in der Form, dass ich sehr leicht zu kränken bin.

Viele Adoptierte haben in der Pubertät mehr und länger mit der Ich-Findung zu kämpfen als bei leiblichen Eltern Aufgewachsene. Es fehlt der innere Halt, das Fundament, auf dem sie aufbauen können. Dann gibt es noch das Muster mangelnder Bindungsfähigkeit: Kinder, die nach dem Alter von sechs Monaten oder älter in eine Adoptionsfamilie kommen, tun sich tendenziell schwer, eine Bindung zu den Adoptiveltern aufzubauen und später Bindungen einzugehen. Dieses Problem teile ich glücklicherweise nicht: Ich bin seit über zwanzig Jahren mit meiner Frau zusammen, und das ist gut so. Wir haben zwei Kinder, um die ich mich immer gekümmert habe.

Typisch ist auch ein Fremdheitsgefühl gegenüber der Adoptionsfamilie. Spätestens in der Pubertät stellt man fest: Die anderen Familienmitglieder haben andere Augen, eine andere Nase als ich. Und man beginnt nach den Menschen zu suchen, die vielleicht dieselbe Nase haben wie man selbst. Meist kommen derlei Gefühle und Selbstzweifel in Umbruchphasen auf, in denen man auf der Suche nach sich selbst ist und nicht weiß, wie es mit dem eigenen Leben weitergeht.

Ich war 24 Jahre alt, als ich meinen Vater zum ersten Mal aufsuchte. Ich wollte wissen, wer er ist, um herauszufinden, wer ich bin, wo ich herkomme. Und natürlich wollte ich wissen, warum er sich nicht um mich gekümmert hatte. Tatsächlich stellte ich fest: Er hat meine Nase! Auch sonst sehen wir uns relativ ähnlich. Er erzählte mir

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