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Die Zeitschrift, die für eine bessere Welt streitet ...Ausgabe lesen

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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 8/2018
Ganz allein
Wie Einsamkeit Mensch und Gesellschaft krank macht – und wie man sie heilen kann
Der Inhalt:

Neue Lieder vom Hofnarren und Medizinmann

Folk-Pop. »Ich will nicht sterben – und nicht erwachsen werden …« Das singt Tom Liwa im Song »Dope« auf seinem neuen Album »Ganz normale Songs«. Sie haben alle Ein-Wort-Titel: »Schuld«, »Ego«, »Meistens« oder »Leute«. Daran erkennt man, dass Liwa auch auf seinem 25. Album keinen Bogen um große oder schwierige Themen macht. Im Gegenteil: Man hat den Eindruck, seine Lieder seien autobiografischer und ehrlicher als jemals zuvor. Poetisch sind seine Texte auf jeden Fall, und wie immer singt er sehr häufig als Icherzähler – ohne dass das natürlich immer persönlich gemeint sein muss. Es geht nicht nur um Liebe oder Traurigkeit, sondern auch um Väter und Söhne (»Dope«), frühere Freunde (»Ufo«) oder Kinder (»Yoga«). Der FAZ, die den Duisburger mal als »Chansonnier aus dem Ruhrgebiet« bezeichnet hat, hat Tom Liwa vor ein paar Jahren im Interview gesagt: »In meinen Texten findet einfach alles statt, was mich als Mensch bewegt, ohne dass ich dabei zu biografisch werde.« Als Künstler – er ist auch Maler und Schriftsteller – sei er »Hofnarr und Medizinmann«. Liwa geht es darum, die Menschen mit seinen Liedern zu begleiten, schon mit seiner Band »Flowerpornos« und auch mit seinen unzähligen anderen Projekten. Das tut er vor allem mit Zärtlichkeit – im Gesang (der im ersten Moment in seiner leichten Nöligkeit an eines seiner Vorbilder, Neil Young, erinnern kann) und in den Melodien, die er auf »Ganz normale Songs« wieder überwiegend mit der Akustikgitarre entstehen lässt. Was nicht heißt, dass nicht auch die überraschendsten Elemente in die spannenden Arrangements einfließen, angefangen von rauen E-Gitarrenklängen und elektronischen Beats über Haustürklingeln bis hin zu schamanischen Gesängen. Bei alldem scheint auch noch der fröhlichste Song von einem Schleier der Melancholie bedeckt, die sich durch das gesamte Werk des heute 56-Jährigen zieht. Vielleicht liegt das auch an der Mischung aus Spiritualität, genauen Beobachtungen und dem Politischen im Alltag, die die Songs des fünffachen Vaters stets auszeichnet. Am stärksten aber zeigt sich Liwas Zärtlichkeit in seiner Einstellung zu den Menschen, die seine Songs bevölkern und von denen sie handeln. Er begegnet ihnen mit Liebe und Respekt. Und deswegen ist diese Musik vor allem dazu da, sich darin wiederzufinden, denn, wie es in »Dope« schließlich auch heißt: »Wer will schon sterben – und wer erwachsen werden?«