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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 8/2017
Die zerrissene Gesellschaft
Was tun gegen den Rechtspopulismus?
Der Inhalt:

Führen uns heilige Bücher in die Zukunft?

von Klaus von Stosch vom 28.04.2017
Streitfragenzur Zukunft: Ja, das können sie! Denn wir brauchen Texte, die unsKopfzerbrechen bereiten. Sätze, die nicht zu dem passen, was wir zu wissen meinen

Die Heiligen Texte, auf die sich Judentum, Christentum und Islam beziehen, haben derzeit keine gute Presse. Symptomatisch für den Eindruck, den viele von diesen Büchern haben, ist ein Zitat des Atheisten Richard Dawkins. Er schreibt in seinem Bestseller Der Gotteswahn: »Der Gott des Alten Testaments ist die unangenehmste Gestalt der gesamten Dichtung: eifersüchtig und auch noch stolz drauf; ein kleinlicher, ungerechter, nachtragender Kontrollfreak; ein rachsüchtiger, blutrünstiger ethnischer Säuberer; ein frauenfeindlicher, homophober, rassistischer, kinds- und völkermörderischer, ekliger, größenwahnsinniger, sadomasochistischer, launisch-boshafter Tyrann.«

Zu beachten ist, dass diese Kritik die Fiktionalität der Gewalttexte der Bibel bereits bedenkt. Entsprechend gering dürfte die Entlastung sein, wenn Muslime etwa durch historisch-kritische Forschung zeigen, dass auch die im Koran und vor allem in den Hadithen erzählte Gewalt keineswegs die geschichtliche Wirklichkeit wiedergibt.

Die Religionskritik der Gegenwart geht tiefer. Schon der Ägyptologe Jan Assmann wirft den monotheistischen Religionen nicht wirkliche Verbrechen in ihren Ursprungsjahren vor, sondern echauffiert sich über das Gewaltpotenzial auch der rein literarisch verstandenen Texte. Diese Texte gehören in jener Wahrnehmung auf die Müllhalde der Geschichte, weil sie heute zur Gewaltlegitimation verwendet werden.

Und hat Dawkins nicht recht? Wird Gottes Eifersucht in der Bibel nicht tatsächlich in ziemlich verstörender Eindringlichkeit geschildert? Ist die Präsenz Gottes im biblischen Zeugnis nicht auch in den kleinsten Nischen meines Alltags bedrängend und unausweichlich? Ist die Gewalt Gottes nicht immer wieder erschreckend destruktiv und brutal? Und ist es nicht tatsächlich so, dass die Emanzipation der Frau und die Freiheit sexueller Orientierung deutlichere Unterstützung finden könnten als in den Texten der Schrift? Sind Bibel und Koran also nicht doch mehr Ballast einer vergangenen Zeit, dessen wir uns entledigen müssen, wenn wir zukunftsfähig werden wollen?

Die Versuchung ist groß, nicht nur die Sprache der Bibel geschlechtergerecht und pazifistisch umzudeuten, sondern gleich all die Passagen wegzulassen, die nicht mehr zeitgemäß sind oder uns nicht mehr zeitgemäß erscheinen. In der Tat sind im Christentum immer wieder Menschen dieser Versuchung erlegen. Letztlich läuft

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