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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 8/2015
Mitten unter uns
Sklaverei ist längst nicht ausgestorben
Der Inhalt:

Wer ist der wahre Verräter?

von Karl-Josef Kuschel vom 24.04.2015
In seinem neuen Roman »Judas« stellt der israelische Schriftsteller Amos Oz die alte Frage nach Schuld und enttäuschten Idealen neu – und verknüpft sie mit der Geschichte des Staates Israel

Ich glaube keine Sekunde daran, dass Jesus Gott war oder Gottes Sohn. Aber ich liebe ihn. Ich liebe die Worte, die er sagte. Ich habe ihn geliebt, seit ich zum ersten Mal seine Botschaft im Neuen Testament las, als ich fünfzehn war.« Das sagt eine der jüdischen Hauptfiguren im neuen Roman »Judas« von Amos Oz.

Oz, der 1939 in Jerusalem geboren wurde, ist einer der maßgebenden Vertreter der israelischen Gegenwartsliteratur. Wie aber kommt seine Hauptfigur dazu, sich derart mit Jesus zu beschäftigen? Die Antwort: Weil er von einer der rätselhaftesten und zugleich wirkungsgeschichtlich abgründigsten Figur der Glaubensgeschichte nicht loskommt: von Jesu Gefährten Judas Ischariot. Die Geschichte von Judas ist die Urgeschichte eines Verrats schlechthin, erzählt durch die Jahrtausende hindurch auf Kosten der Juden.

Statt nun aber, wie man erwarten könnte, einmal mehr eine Geschichte zu erzählen, in der es vor allem um radikale Kritik an diesem christlich-kirchlichen Antijudaismus geht, setzt sich Oz mit Verratsmustern in der israelischen Zeitgeschichte auseinander. Hier liegt die provozierende Originalität seines neuen Romans.

Viele Autoren haben sich mit der Judas-Figur befasst, darunter die Größten der Weltliteratur: der Argentinier Jorge Luis Borges in »Drei Fassungen von Judas« (1941), der Grieche Nikos Kazantzakis und der Prager Max Brod in ihren großen Jesus-Romanen »Die letzte Versuchung« (1951) und »Der Meister« (1952). Unvergessen auch der »Fall Judas« (1975) von Walter Jens. Oz ist der erste, der es als israelisch-jüdischer Autor riskiert, den Blick selbstkritisch nach innen zu richten.

Der Autor lässt seinen Roman nicht zufällig 1959/60 in Jerusalem spielen. Ende der 1950er-Jahre ist Israel gefährdeter denn je. Denn die Ausrufung eines eigenen Staates hatte dem Land zwar die Unabhängigkeit gebracht, der Krieg mit den arabischen Nachbarn, die Suez-Krise und der Sinaifeldzug hatten aber gleichzeitig ein Flüchtlingselend unter den Palästinensern produziert, das bis heute zur ständigen Quelle von Hass und Rache werden sollte.

Weitsichtige Israelis aber, darunter der größte jüdische Denker des 20. Jahrhunderts, Martin Buber, hatten die humanitäre Katastrophe und die daraus folgende prekäre Sicherheitslage kommen sehen. Lange vor der Staatsgründung hatten sie sich für ein kooperatives Miteinander von Israelis und Palä

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