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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 8/2015
Mitten unter uns
Sklaverei ist längst nicht ausgestorben
Der Inhalt:

»Das Mittelalter hat ein schlechtes Image«

von Josefine Janert vom 24.04.2015
Der Historiker Johannes Dillinger korrigiert das Klischee einer grausamen Epoche, in der Kräuterfrauen verfolgt werden

Publik-Forum: Herr Dillinger, das Mittelalter wird in Romanen zumeist als grausam beschrieben. Stimmt das mit Ihrer Forschung überein?

Johannes Dillinger: Das Mittelalter hat ein schlechtes Image, seit es zu Ende gegangen ist, also seit etwa 1500. Es lag zwischen Antike und Renaissance. Dieser französische Name steht für die »Wiedergeburt« von Kunst und Wissenschaft. Die Epoche dazwischen kann in den Augen vieler Menschen nur dunkel gewesen sein. Die Vorurteile gegen das Mittelalter bekamen im 19. Jahrhundert noch einen scharfen konfessionellen Akzent, als sich evangelisch geprägte Historiker vom katholisch geprägten Mittelalter distanzierten.

Die Hauptfiguren von Mittelalterromanen sind sehr oft Heilerinnen, die der Hexerei bezichtigt werden. Wurden tatsächlich so viele kräuterkundige Frauen verfolgt?

Dillinger: Dieser Mythos wird seit den 1960er-Jahren durch fragwürdige Publikationen verbreitet. Nein, das stimmt nicht: Heilerinnen kamen nicht öfter auf den Scheiterhaufen als Angehörige anderer Berufe. Richtig ist aber, dass etwa achtzig Prozent der Opfer Frauen waren. Die meisten Prozesse gegen sogenannte Hexen fanden jedoch nicht im Mittelalter statt, sondern nach der Reformation, im 16. und 17. Jahrhundert.

Wie viele »Hexen« wurden ermordet?

Dillinger: Weltweit waren es bis zum Jahr 1800 etwa 50 000, etwa 25 000 auf dem Gebiet der heutigen Bundesrepublik. Dort gab es ungefähr 50 000 Prozesse. Der Hexenwahn ist also ein deutsches Phänomen.

Wie kommt das?

Dillinger: In England etwa, einem Land mit starker Zentralmacht, war die Justiz zentral organisiert. Dort fanden viel weniger Hexenprozesse statt. Einen einheit lichen deutschen Staat gab es hingegen nicht. Das Gebiet war in etwa 350 Einzelterritorien aufgesplittert. Je schlechter diese organisiert waren, umso mehr Hexenprozesse fanden statt. Zu Anklagen kam es oft in Gebieten, deren Mitarbeiter nur über geringe juristische Kenntnisse verfügten. Die meisten Prozesse widersprachen den juristischen Normen dieser Zeit.

In etlichen Romanen werden Geistliche als Befürworter der Prozesse dargestellt.

Dillinger: Es stimmt, dass die Kirche im Mittelalter

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